10.10.2019 - Seefeld

Mit Kontinuität und Gespür

Der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V. feiert sein 25-jähriges Jubiläum. Mit Kontinuität und Gespür für relevante Themen nachhaltiger Tourismusentwicklung ist er zu einem wichtigen Ansprechpartner geworden. Die Initiatoren des Vereins, Armin Vielhaber und Dietlind von Laßberg, schildern die Anfänge.

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Wie fanden Sie Ihren persönlichen Weg in den Tourismus? 

Armin Vielhaber: Durch Zufall. Vor Beginn meines Studiums hatte ich zahlreiche Entwicklungsländer bereist. Doch die Motivation, mich intensiver mit dem Thema Tourismus zu beschäftigen, entstand erst 1970, als ich das politische Lehrstück „Andorra“ von Max Frisch las. Darin geht es um die Auswirkungen von Klischees, Stereotypen und Vorurteilen gegenüber Fremdgruppen. In einem Kommentar sprach man die Hoffnung aus, dass sich durch Auslandsreisen nationale Stereotypen abbauen lassen.  Das war mein Kick. Bei der Suche nach Organisationen, die sich mit dieser Thematik beschäftigten, stieß ich auf den Studienkreis für Tourismus e.V. in Starnberg. Dort habe ich 1974 das neu entstandene Referat für Ferntourismus übernommen.

Dietlind von Laßberg: Schon in der Schule war Erdkunde mein Lieblingsfach, daher habe ich später Geografie und Politische Wissenschaften studiert. Während des Studiums habe ich viele Exkursionen und Reisen unternommen, mein Interesse an anderen Ländern und Kulturen war schon immer groß. Während eines Praktikums beim Starnberger Studienkreis Anfang der 1990er Jahre habe ich dann in Sachen Tourismus Blut geleckt. Fasziniert hat mich dort damals, unter wie vielen verschiedenen Aspekten und Sichtweisen man sich dem Phänomen Tourismus nähern kann. Diese Faszination ist bis heute geblieben. 

Aus dem Studienkreis in Starnberg ist dann der heutige Studienkreis für Tourismus und Entwicklung hervorgegangen. 

Armin Vielhaber: Der Starnberger Studienkreis musste im Oktober 1993 aus wirtschaftlichen Gründen seine Geschäftstätigkeit nach über 30 Jahren einstellen. Im Januar 1994 haben wir beide dann zusammen mit einigen Mitstreiterinnen und Mitstreitern am Reutberg in Sachsenkam bei Bad Tölz den „neuen“ Studienkreis gegründet und anschließend unser erstes Büro in Ammerland am Starnberger See eingerichtet. Auch mit dem jetzigen Büro in Seefeld am Pilsensee bleiben unsere Wurzeln im Bayerischen Oberland.

Sie hatten bei der Neugründung eine Reihe von Unterstützern.

Dietlind von Laßberg: Ja, unseren Gründungsmitgliedern war es wichtig, die Arbeit des ehemaligen Starnberger Ferntourismusreferats fortzusetzen – mit seinen Projekten SympathieMagazine, Interkulturelles Tour Guide Training sowie die dazu gehörende Forschungs- und Beratungstätigkeit. Wir mussten also nicht bei Null anfangen. Ein zentrales Anliegen war es, uns weiterhin kritisch-konstruktiv mit der Tourismusentwicklung in Entwicklungsländern auseinanderzusetzen. Der Urlaubstourismus dorthin hatte ja seit Mitte der 1960er Jahre zunehmend Fahrt aufgenommen. 1974 besuchten bereits 400.000 deutsche Urlauber Länder des Globalen Südens, 1991 waren es schon 2,7 Millionen. Entwicklungsländerreisende sollten also auch weiterhin motiviert werden, die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation in  den Urlaubsländern besser kennen- und verstehen zu lernen. Eine Aufgabe, die bis heute nichts an ihrer Bedeutung eingebüßt hat – die jährliche Zahl der deutschen Urlaubsreisenden in Entwicklungs- und Schwellenländern liegt mittlerweile bei 9 Millionen.

Armin Vielhaber: Nach wie vor sind Urlaubsreisen in andere Kulturen eine Chance, die Vielfalt "des anderen" zu erleben und zu verstehen. Keine leichte Aufgabe. Der portugiesische Schriftsteller Fernando Pessoa sagt in seinem „Buch der Unruhe“: "Was wir sehen, ist nicht was wir sehen, sondern was wir sind". Beim Reisen sind also Offenheit, Neugier und Bereitschaft gefragt, sich in das Andere, Fremde einzufühlen. Dadurch kann neues Wissen und Durchblick entstehen – im besten Fall Sympathie.

Damit haben der Studienkreis und seine Mitstreiter wichtige Entwicklungen schon früh erkannt.

Dietlind von Laßberg: Anfang der 1990er Jahre sprach man noch von „sanftem“ Tourismus, ein Begriff, der heute weitgehend verschwunden und durch „nachhaltig“ ersetzt worden ist. Wir hatten schon früh den Fokus daraufgelegt, dass sanfter Tourismus immer im Dreiklang soziale Verantwortung, ökologische Verträglichkeit und wirtschaftliche Ergiebigkeit zu betrachten ist. Wir verpflichten uns auf Kernthemen wie Nachhaltigkeit, Partizipation, Chancengleichheit, Diversität und Menschenrechte, verbunden mit interkultureller Begegnung und Verständigung beim Reisen. 

Armin Vielhaber: Unsere Gründungssatzung ist in diesem Sinn nach 25 Jahren unverändert aktuell. Auch Projekte, die wir nach der Gründung auf den Weg gebracht haben, wie den internationalen TO DO Award, der Tourismusprojekte auszeichnet, die unter aktiver Beteiligung der ortansässigen Bevölkerung entwickelt werden, oder unsere Dialogprojekte wie die Ammerlander Gespräche und ZwischenRufe auf der ITB, basieren auf den Prämissen unserer Satzung. Es ging und geht uns darum, einen Beitrag zu leisten, Tourismus nachhaltig zu gestalten, Potenziale zu fördern und Probleme zu minimieren. Unsere erste Broschüre zitierte die asiatische Weisheit „Tourismus ist wie Feuer. Man kann seine Suppe damit kochen, man kann aber auch sein Haus damit abbrennen“.

Dietlind von Laßberg: Unsere SympathieMagazine, die mit authentischen Geschichten die Lebensrealitäten und Besonderheiten von Ländern und Menschen beschreiben, haben inzwischen eine Gesamtauflage von 9 Millionen Exemplaren erreicht und feiern 2024 ihren 50. Geburtstag. Auch das Interkulturelle Tour Guide Training kommt sehr gut an. Das gruppendynamisch angelegte Motivationskonzept trägt dazu bei, Touristen auf spannende Weise an fremde Kulturen heranzuführen. Weltweit konnten 80 Seminare durchgeführt werden. Die Eigen- und Auftragsforschung umfasst derzeit 60 Untersuchungen. Mit den Ergebnissen fundieren wir unsere Projektarbeit. Momentan arbeiten wir an der vierten Neufassung der Studie „Tourismus in Entwicklungs- und Schwellenländer“. Unsere Projekte haben sich zu Langläufern entwickelt.

Worauf führen Sie das zurück?

Armin Vielhaber: Ich denke, wir haben zum richtigen Zeitpunkt wichtige Themen angepackt. Das bestätigt auch ein Blick auf die Liste der Ammerlander Gespräche und ZwischenRufe, die auf unserer Website ausführlich dokumentiert ist, oder auf die 59 Tourismusprojekte in 40 Ländern, die wir mit dem TO DO Award für sozialverantwortlichen Tourismus auszeichnen konnten. Wichtig war auch immer, dass wir die Relevanz unserer Themen bei den Urlaubern hinterfragt haben. Ein entscheidendes Instrument hierfür war und ist die Reiseanalyse, die der Starnberger Studienkreis 1970 entwickelt hatte. Da wir sie aus Kapazitätsgründen nicht selbst fortsetzen konnten, haben wir unmittelbar nach unserer Vereinsgründung maßgeblich dazu beigetragen, dass sie ab 1994 von der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V. (FUR) durchgeführt werden konnte. Die Reiseanalyse untersucht bis heute jährlich auf repräsentativer Basis mit ca. 8.000 face-to-face-Interviews das Urlaubsreiseverhalten der Deutschen.

Dietlind von Laßberg: Wir nutzen die Reiseanalyse intensiv, um durch eigene Exklusivfragen zu untersuchen, wie Urlaubsreisende auf die unterschiedlichsten Themen ansprechen –  Wie beurteilen sie etwa Menschenrechtsverletzungen oder Umweltbelastungen in den Reiseländern? Welches Image haben die Destinationen? Wie sind die Erwartungen an die Reiseleitung und Urlaubsbetreuung? Wie groß ist das Interesse am Kennenlernen von Land und Leuten und an interkulturellen Begegnungen? Bei den Befragungen wird immer wieder deutlich, dass man schlecht beraten ist, Touristen in eine Schublade zu stecken. So zeigen zum Beispiel nicht nur Studien- und Kulturreisende Interesse an anspruchsvollen Informationen über Land und Leute, sondern auch beachtliche Teile von Bade- und All-inclusive-Urlaubern.

Man bezeichnet den Studienkreis manchmal auch als das soziale Gewissen der Branche. Sehen Sie das auch so?

Armin Vielhaber: Nein, wir freuen uns aber, wenn es uns gelingt, relevante Themen zu besetzen. 2017 haben wir mit dem TODO Award Human Rights eine Auszeichnung ins Leben gerufen, die dem Thema der Menschenrechte im Tourismus Rechnung trägt. Und wenn wir dazu auch Unternehmen der Reisebranche mit ins Boot holen können, die hier Flagge zeigen.

25 Jahre neuer Studienkreis sind eine lange Zeit. Woran erinnern Sie sich besonders, nachdem es damals wieder losging?

Armin Vielhaber: An das Surren des Faxgeräts am Tag der Eröffnung des Ammerlander Büros im März 1994. Es war Musik in unseren Ohren. Denn es trafen jede Menge SympathieMagazin-Bestellungen ein. Die Fax-Musik signalisierte: Es wird weitergehen.

Dietlind von Lassberg: Ich erinnere mich insbesondere an unser erstes Ammerlander Gespräch, das im Oktober 1994 in einem Konferenzzelt im Garten unseres kleinen Büros in Ammerland stattfand. Thema: „Tourismus – Opfer der Gewalt? Formen und Auswirkungen von Terrorismus und Menschenrechtsverletzungen in Urlaubsreiseländern“. Der Zeltverleiher hatte sich verbürgt, dass die Heizungsanlage ausreichend Wärme liefern würde, de facto hatten wir winterliche Temperaturen im Zelt. Das Warmluftgebläse war derart laut, dass eine Diskussion nicht möglich war. Also entweder Wärme oder weiter diskutieren. In diesem Wechsel haben wir dann mit Unterstützung von Glühwein, bayerischen Schmankerln und warmer Kleidung unsere erste „heiße“ Gesprächsrunde zwischen Medienvertretern und Entscheidungsträgern der Reisebranche absolviert. Es war ein unvergesslicher Kaltstart.

Bei allen Erfolgen, wie geht es weiter? Worin bestehen zukünftige Herausforderungen?

Armin Vielhaber: Der internationale Tourismus ist weltweit explodiert. Heute werden jährlich deutlich mehr als eine Milliarde grenzüberschreitende Touristenankünfte gezählt. Bereits jeder zweite Bundesbürger ab 14 Jahren hat schon mal Urlaub in einem Land des Globalen Südens gemacht. Probleme, die sich schon früh abzeichneten, haben sich nicht zuletzt durch das Mengenwachstum beim Reisen verschärft. Die Mahnung von Enzensberger „Der Tourismus zerstört das, was er sucht, in dem er es findet“ ist nicht vom Tisch. Es bleibt keine Region mehr unangetastet. Heute spricht man von Overtourismus – selbst am Machu Picchu, wo keine Kreuzfahrtschiffe anlanden. Bürgerbeteiligung vor Ort und Besucherlenkung sind gefragt, nachhaltige Tourismusentwicklung eben. Inzwischen steht der Klimawandel im Fokus. Die „Fridays for future“-Bewegung und andere gehen mit Klimademos weltweit auf die Straße, es geht dabei auch ums Reisen.

Dietlind von Laßberg: "Sympathie für die Welt" wird unser Arbeitsmotto bleiben. Wir werden unsere Projekte weiter ausbauen und zukunftsfähig halten. Und dabei ein besonderes Augenmerk auf die Lebensstile und Reisegewohnheiten der Generationen Y und Z richten. Wir haben es hier mit Menschen zu tun, die – in einer globalisierten Welt groß geworden – weltoffener und auslandsreiseerfahrener sind. Als digital natives haben sie einen anderen Umgang mit Medien und Kommunikation und die Themen Nachhaltigkeit, Klimawandel und CO2-neutrales Reisen nehmen bei einem großen Teil von ihnen einen hohen Stellenwert ein. „Reisen for future!?“ ist daher der Titel des 25. Ammerlander Gesprächs – „Die Generation Z stellt unangenehme Fragen und erwartet klare Antworten – auch beim Reisen“.


Das 25. Ammerlander Gespräch zum Thema „Reisen für future!?“ findet am 17. Oktober im Münchner Literaturhaus statt. Im Anschluss daran wird der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V. sein 25-jähriges Gründungsjubiläum mit einer Festveranstaltung begehen. Eine Teilnahme an der Veranstaltung ist mit persönlicher Einladung möglich.

Interview: Stephanie Arns

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