13.08.2018 - Seefeld

Namibias wilde Schönheit

Mehr als 30 Mal hat Fabian von Poser Namibia schon bereist. Bei seinem jüngsten Aufenthalt war er als Redakteur des SympathieMagazins „Namibia verstehen“ unterwegs. Im Interview erläutert er, warum ihn das Land so fasziniert und welche neuen Eindrücke er gewonnen hat.


Was verbindet Sie mit Namibia?
Ich bin mit einer traditionsreichen Farmerfamilie verwandt, die etwa 90 Kilometer von Windhoek entfernt lebt und dort Viehzucht und Jagd betreibt. Es sind die Nachkommen des Onkels meiner Mutter. Schon als Kind habe ich mir dessen vergilbte Namibiafotos angesehen, das hat meine Sehnsucht nach Afrika geweckt. 1995 war ich das erste Mal dort, es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein. Bis heute fahre ich fast jedes Jahr nach Namibia, das Land ist für mich zur zweiten Heimat geworden.

Was macht die Faszination des Landes aus?
Mein erster Aufenthalt in Namibia hat mich sehr beeindruckt. Wir campten auf dem Spreetshoogte-Pass, der das Hochland von der Namib-Wüste trennt. Als die Sonne unterging, vernahm man noch die Geräusche der Barking Geckos, der „bellenden Geckos“ der Namib, wenig später herrschte absolute Stille. Ich lag nachts im Zelt und hörte: nichts. Das war eine einschneidende Erfahrung. Faszinierend finde ich natürlich auch die Tierwelt, besonders die Wüstenlöwen und Wüstenelefanten haben es mir angetan. Mit dem Thema habe ich mich auch als Journalist in der Vergangenheit immer wieder intensiv auseinandergesetzt. Die Jagd auf Wildtiere ist für mich sehr kontrovers. Einerseits sollte man sie schützen, andererseits könnten viele Farmen ohne die Jagd, beispielsweise auf Springböcke und Oryx-Antilopen, nicht überleben. Ich sehe das bei meiner Verwandtschaft, die auch eine Jagdfarm betreibt, weil Rinderzucht durch die Trockenheit sehr schwierig ist. Die erlegten Wildtiere dienen nicht nur den Jägern als Trophäe, sondern werden nahezu komplett verwertet.

Namibia besticht nicht nur durch die Schönheit seiner Landschaft, unberührte Natur und wilde Tierwelt, der Charme des Landes geht auch von der Vielfalt seiner Kultur aus. 
Absolut. Das ist ein weiterer Grund, warum mich Namibia so sehr in seinen Bann zieht. Über die Jahrhunderte sind immer wieder Völker aus allen Teilen Afrikas eingewandert. Das Land ist ein Schnittpunkt alter Kulturen wie die der Ovambo, Herero, Himba, Damara, Nama und Kavango – eine sehr spannende Melange. Das sieht man auch an der sehr dynamischen Entwicklung der Hauptstadt zur modernen Metropole. In Windhoek wird das Weiße, Europäische immer mehr vom Afrikanischen überlagert, es ist eine schwarze Mittelklasse entstanden. Deutschstämmige Kwaito-Musiker treffen auf schwarze Rapper. Viele schwarze Künstler eröffnen Läden und Galerien. Es herrscht Aufbruchsstimmung.

Aufbruchsstimmung wird auch von der Regierung verbreitet. Mit der „Vision 2030“ soll Namibia zur Industrienation werden. Wie schätzen Sie das Vorhaben ein?
Ich finde es grundsätzlich gut, wenn die Ziele hoch gesteckt werden. Zweifelsohne spielt die Wirtschaft als Motor eine entscheidende Rolle, um ein Land zu entwickeln und die vielen Probleme anzugehen. Namibia befindet sich derzeit in einer Rezession, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Nach wie vor herrscht eine große soziale Ungleichheit zwischen Schwarz und Weiß, die Kluft zwischen Arm und Reich ist groß. Mit den Plänen der Regierung soll Namibia im globalen Handel künftig eine wichtige Rolle als Transport- und Logistikdrehscheibe spielen. Mithilfe chinesischer Investoren werden Häfen gebaut und die Infrastruktur verbessert. Neue Minen sollen erschlossen werden, um auch den Bergbau weiter voranzutreiben. Das Land ist reich an Bodenschätzen. Zum anderen dient Namibia China aber auch als Absatzmarkt für billige chinesische Produkte. Den Chinesen geht es natürlich ums Geldverdienen. Nur allzu oft haben sie in der Vergangenheit soziale Standards und Umweltauflagen verletzt. Wegen der wachsenden Zahl der dauerhaft in Namibia lebenden Chinesen – es sollen inzwischen mehr als 40000 sein – artikulieren viele Einheimische bereits erste Ressentiments. Aber ich sehe das chinesische Engagement nicht nur negativ. Diese Investitionen eröffnen Namibia auch neue Chancen. Namibische Interessen und Traditionen dürfen dabei nur nicht übergangen werden.

Welche Rolle spielt der Tourismus für eine nachhaltige Entwicklung des Landes?
Eine sehr große. Ich sehe ihn sogar als Vorreiter für eine umwelt- und sozialverträgliche Entwicklung. Der Tourismus floriert, rund anderthalb Millionen Gäste kommen jährlich. Namibia ist ein sicheres Reiseland und ist wegen des ganzjährig milden Klimas sehr beliebt. Die Namibier selbst wissen aber sehr genau, dass sie es nicht übertreiben dürfen. Wenn sie zu viele Unterkünfte bauen und dem sensiblen Ökosystem zu viel abverlangen, schaufeln sie sich ihr eigenes Grab. Der Tourismus begrenzt sich daher selbst. Es gibt zudem zahlreiche einheimische Tourismusunternehmen, die eigene Ausbildungsstätten eröffnet haben. Hier wird die junge Generation für das Gastgewerbe, als Reiseführer oder als Köche ausgebildet und so in Lohn und Brot gebracht. Tourismus ist ein wichtiger Arbeitgeber, und auf diese Weise bleibt auch die Wertschöpfung im Land. Die Regierung hat zudem den Zugriff von außen stark reglementiert, ausländische Investoren können nicht einfach Land kaufen und Hotelanlagen darauf bauen. Namibia ist übrigens auch eines der ersten Länder der Welt, das Nachhaltigkeit und Umweltschutz in seiner Verfassung niedergeschrieben hat.

Wohin steuert Namibia? Was ist Ihre Prognose für die Zukunft?
Das Land ist seit fast 30 Jahren unabhängig, die Hälfte der Bevölkerung ist unter 30 Jahre alt und hat das alte Regime nicht erlebt. Trotzdem prägt das Erbe der Kolonialzeit und der Apartheidszeit die Gesellschaft nach wie vor. Wenn es gelingt, diese Spaltung zu überwinden und die junge, schwarze Bevölkerung in allen Bereichen zu integrieren, sehe ich optimistisch in die Zukunft. Ein heiß diskutiertes Thema ist dabei die Landreform. Sie war 1990 das zentrale Wahlversprechen der Swapo-Regierung, denn die Farmen des Landes waren vor der Unabhängigkeit fast ausschließlich in weißer Hand. Die eigentliche Verteilung von Land ist meiner Ansicht aber gar nicht so entscheidend. In Namibia spielt die Landwirtschaft eher eine untergeordnete Rolle, dafür sind die Böden zu karg, das Klima zu trocken. Bisherige Versuche, schwarzen Farmern Land zu geben waren nicht sehr erfolgsversprechend. Die Parzellen sind zu klein, um effizient bewirtschaftet zu werden, oft fehlt auch das Know-how. Bei der Landreform geht es vielmehr um ein emotionales Thema. Es ist sehr wichtig, dass hier Regelungen gefunden werden, bei der keine der beiden Seiten ihr Gesicht verliert.

Sie haben auf Ihrer Recherchereise für das SympathieMagazin viele Projekte und Menschen kennengelernt. Welche Begegnungen sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Da ist als erstes die Geschichte von „Mama Frieda“, die mit Spendengeldern, einer unfassbaren Energie und einem großen Herzen in Windhoek eine Vorschule aufgebaut hat, die mittlerweile schon 200 Kinder besucht haben. Gerade Bildung ist so wichtig, sie eröffnet Lebenschancen. Besonders beeindruckt hat mich auch die Begegnung mit Philipp Abele. Abele ist behindert und auf Hilfe angewiesen. 17 Jahre wohnte er mit seiner Familie in einer Wellblechhütte. Ein thüringisches Unternehmen hat jüngst ein Verfahren entwickelt, mit dem man aus Wüstensand günstige Häuser herstellen kann. Den Prototyp für dieses Haus hat das Unternehmen auf einer Messe in Windhoek präsentiert – und danach Abele zur Verfügung gestellt. Jetzt wohnt er mit seiner Familie auf mehr als 60 Quadratmetern in einem wetterfesten Steinhaus mit Küche, WC und Dusche. Auch die namibische Regierung hat dabei mitgewirkt. Das Land leidet generell unter extremer Wohnraumknappheit, viele Menschen hausen unter erbärmlichen Bedingungen. Das Bauprojekt ist ein Beispiel, was alles funktionieren kann, wenn Hände richtig ineinandergreifen. Deshalb finde ich diese Geschichte so schön. Und vielleicht ist sie ja auch so etwas wie ein Wegweiser für die Zukunft.

Interview: Stephanie Arns

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