Tutzinger Blätter 2005

Interkulturelle Kompetenz im Tourismus
Reisen in islamisch geprägte Länder - Chancen in schwierigen Zeiten

Reisen in südliche Gefilde sind nach wie vor beliebt. Ob Marokko oder Tunesien, Thailand oder Ägypten, viele Zielgebiete liegen in islamisch geprägten Ländern. Doch so mancher Reiselustige fragt sich, ob er diese Länder noch gefahrlos besuchen kann? Terroranschläge oder die Diskussion über das Verhältnis zwischen Europa und dem Islam - sie beeinflussen die Stimmung und stellen für den Tourismus eine Herausforderung dar. Welche Vermittlungsfunktion kann interkulturelle Kompetenz im Tourismus einnehmen?

Sommer, Sonne, Strand und Meer - das ist es, was bei den meisten Urlaubern zählt. Zu fragen wäre, ob sich Touristen während ihres Urlaubs überhaupt auf die anderen Kulturen einlassen wollen? Konnten sie Erfahrungen in persönlichen Begegnungen im Alltag der Gastländer sammeln? Was kann man daraus lernen? Wie können Begegnung und Dialog bei Reisen in schwierigen Zeiten Vertrauen stärken?
Studienleiter Martin Held, Dietlind von Lassberg (Studienkreis für Tourismus und Entwicklung) und F. Kayode Salau (Internationale Weiterbildung und Entwicklung, InWEnt) diskutierten mit Fachexperten aus der Tourismusbranche die Möglichkeiten und Grenzen interkultureller Kompetenz im Tourismus. Insbesondere galt es, sich mit unterschiedlichen Weltbildern und Vorstellungen über "die Anderen" sowie mit Fragen des interreligiösen Dialogs auseinander zu setzen. Stephanie Rupp verfasste für die Nürnberger Zeitung nachfolgenden Bericht:

Stephanie Rupp
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Sensible Begegnungen mit der islamischen Welt

Für Judith-Alexandra Rädlein gab es nichts daran zu rütteln: Türken sind Machos, tragen Goldkettchen, fahren dicke Mercedes und unterdrücken ihre Frauen. Bis zum vergangenen Sommer. Da hat sich die Welt für die heute 18-jährige Abiturientin aus Thüringen verändert. Denn die letzten großen Ferien vor dem Ende ihrer Schulzeit hatte das hübsche, blonde Mädchen dazu genutzt, in die Türkei zu fahren. Doch nicht den für Touristen geschaffenen Bettenburgen an der Küste von Antalya galt ihr Besuch, sondern dem Dorf Karaburun bei Izmir, idyllisch am Meer gelegen.
13 Tage lang erforschte sie mit einer Gruppe Gleichaltriger der Europäischen Jugendbegegnungsstätte Weimar neugierig die ihr bis dahin verborgen gebliebene islamisch-orientalische Welt. Sie tauchte tief ein in den Alltag des Dorflebens und erfuhr dabei Dinge, die sie bis heute nicht losgelassen haben: "Die Türken sind unglaublich gastfreundlich und begegnen fremden Menschen sehr offen. Auf sie kann man zählen." Naja, Goldkettchen habe es keine gegeben, "und arrogant war uns gegenüber niemand". Vom ersten Besuch ihres Lebens in einer Moschee - "wo man Gott mit bloßen Füßen gegenübertritt" - zeigt sie sich noch immer tief berührt.

Die Rolle der Frau im Dorf ist festgeschrieben
Klar, die Rolle der Frau sei in den Dörfern festgeschrieben. Bei ihrer intensiven Begegnung mit der Hausfrau Sevgül etwa sei klar geworden, "dass sie die Herrin im Haus ist und dort auch sehr viel arbeiten muss".

"Aber", so erzählt die 18-Jährige weiter, "Sevgül ist uns eben doch nicht so unähnlich. Auch sie hat ihre Träume und Wünsche, genau wie wir." Umso mehr hat Judith-Alexandra der Kurz-Besuch in einem der klassischen Touristenorte an der Ägäis, in Kusadasi, schockiert. "Dort bekommt man Angst, ich habe mich plötzlich nicht mehr getraut, allein durch den Basar zu laufen." Die Erklärung hat sie schnell zur Hand: "Die Menschen sind dort so geworden, weil die Touristen bestimmte Gesetze geschaffen haben." Niemals wünsche sie Karaburun eine solche Zukunft.

Doch das, was Judith-Alexandra erfahren hat, ist eben nicht der typische Weg eines westlichen Touristen. Die meisten Deutschen buchen weiterhin Pauschalreisen: Bei Türkeireisen entscheiden sich 88 Prozent für diese Form. Wie man dennoch fruchtbare interkulturelle Begegnungen im Fremdenverkehr - auch im Massentourismus - gestalten kann, damit befasste sich eine Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing. Tourismusexperten, Wissenschaftler und Reiseveranstalter waren sich einig, dass gerade in islamischen Ländern Begegnungen einen wichtigen Beitrag für den Dialog der Kulturen leisten können.
Zugleich gestalten sie sich manchmal aber auch etwas schwieriger als in anderen Teilen der Welt. Gerade im Orient ist besondere Sensibilität gegenüber den Gastgebern gefordert. Bereits bei der Wahl der Kleidung wollen manche Reisende keine Zugeständnisse an die islamische Kultur machen. Ein allzu freizügiges Outfit kann gläubige Muslime aber verletzen.

Fest steht, dass das Interesse der Deutschen an Reisen in den Orient in den letzten Jahren zugenommen hat - trotz oder gerade wegen des 11. September. So haben 2004 rund 3,5 Millionen Deutsche die schönste Zeit des Jahres in der Türkei verbracht. Weitere 1,5 Millionen reisten nach Nordafrika, wie Armin Vielhaber, Vorstandsvorsitzender des Studienkreises für Tourismus, berichtete. Die Welttourismusorganisation WTO meldet seit Jahren die größten Zuwachsraten für die Region. Während 2003 der weltweite Tourismus Rückgänge von 1,2 Prozent verbuchte, freute sich Arabien über ein Plus von zehn Prozent.

Dass Individualreisen tendenziell mehr Raum für persönliche Begegnungen bieten, ist unumstritten. Vielhaber warnte aber davor, zu unterstellen, Pauschaltouristen hätten generell kein Interesse am interkulturellen Austausch. Eine aktuelle Studie seines Vereins belegt das Gegenteil. Sogar unter All-inclusive-Reisenden gebe es sehr wohl Menschen, die die Begegnung mit Einheimischen suchten.

Doch dafür, wie sich diese Kontakte - abgesehen vom Eigenengagement der Reisenden - gestalten lassen, gibt es kein Patentrezept. So setzt Yusuf Örnek, Inhaber einer Reiseagentur in Antalya, darauf, dass seine Reiseleiter gut qualifiziert werden und den Gästen die türkische Kultur sensibel nahe bringen. Kontakte mit den Menschen müssten sich aber spontan ergeben.

Dass man die Kultur eines Landes am besten kennen lernt, wenn man Familien besucht oder sich von einem Imam in die Geheimnisse des Islam einweihen lässt, meint Elisabeth Köhler. Die frühere Landtagsabgeordnete organisiert Ägypten-Begegnungsreisen für kleine Gruppen. Mehr als einen Besuch pro Monat mit bis zu vier Gästen sollte man einer Familie nicht zumuten, sagt sie. Auch Ägypten-Veranstalter Ashraf Nada warnt davor, die Gastgeber zu überfordern. So berichtete er von einem nubischen Dorf bei Assuan, in das die (Massen)-Touristen hordenweise einfallen. Dies habe nichts mit dem gewünschten Kulturaustausch zu tun. Studiosus-Geschäftsführer Peter-Mario Kubsch setzt darauf, bei Orientreisen vermehrt Begegnungselemente ins reguläre Programm einzubauen.

Staatliche Programme als ein möglicher Weg
Armin Vielhaber sieht in staatlich organisierten Begegnungen einen gangbaren Weg. So kann er sich eine Übertragung des jamaikanischen "Meet the People"-Programms auf orientalische Länder vorstellen, wenngleich er es nicht unbedingt als geeignet für den Massentourismus hält. In Jamaika bringt das Tourismusministerium Gäste mit Einheimischen aus jeweils gleichen Berufen zusammen.

Ganz angetan von diesem Konzept zeigte sich Kathrin Rüter von Öger Tours. Obwohl der Türkei-Veranstalter auf Pauschaltourismus spezialisiert ist, möchte sie für einen kleinen Gäste-Kreis demnächst ein Pilotprojekt für interkulturelle Begegnungen starten und damit ein Zeichen setzen.

Literaturtipps:
Sympathie-Magazine des Studienkreises für Tourismus (Islam, Tunesien, Ägypten, Marokko, Jordanien, Syrien, Türkei, Israel, Jemen, Palästina, Iran) je 3,60 Euro, Internet: www.sympathiemagazin.de
Ulrich Keßler: Auslandsknigge, IHK zu Lübeck, 33 Euro, E-Mail: kessler@ihk-luebeck.de
Béatrice Hecht-El Minshawi: Muslime in Beruf und Alltag verstehen, Beltz Verlag, 14,90 Euro