Presse-Information
 


Seefeld, 21. Februar 2012 / Berlin, 09 März 2012
Nr. 02a/2012


TO DO!2011-Preisträger - Wettbewerb Sozialverantwortlicher Tourismus

Der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung hat auf der 46. ITB Berlin die drei Gewinner des TO DO!2011-Wettbewerbs Sozialverantwortlicher Tourismus ausgezeichnet. Die Preisträger der 17. Wettbewerbsrunde kommen aus Bolivien, Italien und Mosambik. Infos: http://www.to-do-contest.org/

Berlin - Der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V. hat am 9. März 2012 die Preisträger des seit 1995 jährlich durchgeführten internationalen TO DO!-Wettbewerbs für sozialverantwortlichen Tourismus bekannt gegeben. Mit dem TO DO!2011 wurden auf der 46. ITB Berlin geehrt: Die SAN MIGUEL DEL BALA ECO-LODGE in Bolivien, die sizilianische Reiseagentur ADDIOPIZZO TRAVEL in Italien und das Regionalentwicklungsprojekt MANDA WILDERNESS PROJECT - NKWICHI LODGE in Mosambik. Alle drei gleichrangigen Preisträger zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihre touristischen Aktivitäten als Werkzeug einsetzen - für das Recht auf Selbstbestimmung, für das Recht auf Würde und für das Recht auf eine bessere Zukunft.
Für die in Bolivien beheimatete indigene Gemeinschaft der Tacana führte der 1995 umgesetzte Beschluss der bolivianischen Regierung, einen Großteil ihres Lebensraumes zum Madidi Nationalpark zu erklären, zur schlagartigen Aufhebung ihrer traditionellen Rechte. Konnten sie bis dahin der Jagd nachgehen und Landwirtschaft betreiben, blieb ihnen fortan nur noch die Möglichkeit, in den Flüssen für den Eigenbedarf zu fischen. Das als besonders artenreich geltende Schutzgebiet zieht sich vom tropischen Tiefland im Amazonas-Einzugsgebiet bis hinauf zur Königskordillere (Cordillera Real) an der Grenze zu Peru.

Bolivien:

San Miguel del Bala
Calle Comercio
entre Vaca Diez y Santa Cruz
Rurrenabaque, Beni
E-mail: info@sanmigueldelbala.com
Website: www.sanmigueldelbala.com
Tel: +591 3892 2394

Doch statt sich nach erfolglos gebliebenen Protesten gegen den Nationalpark geschlagen zu geben, verwandelten die an dessen Grenze lebenden indigenen Familien von San Miguel del Bala diese für sie nachteilige Situation in ihr Gegenteil. Der Großteil der Betroffenen schloss sich zu einer Kooperative zusammen und eröffnete 2006 - nach eingehender Beratung und mithilfe von unterschiedlichen Entwicklungs- und Hilfsorganisationen - die SAN MIGUEL DEL BALA ECO-LODGE; samt eigenen Guides und eigenen Langbooten für Fahrten in den Dschungel; auch geführte Erkundungstouren werden angeboten. So läuft der lukrative Nationalpark-Tourismus nicht an den Einheimischen vorbei, sondern findet mit ihnen statt, mit einer von ihnen selbst gewählten und aufgebauten Struktur. Durch die so erzielten Einnahmen können Lehrmittel für die Schule oder die Anschaffung von Computern finanziert werden und die Kooperative kann nun auch für den Transport und die Behandlungskosten von erkrankten Gemeindemitgliedern aufkommen.

Italien:

ADDIOPIZZO TRAVEL BY ADDIOPIZZO COMMUNITY
Via Lazio 7, I – 90040 Capaci (Palermo)
E-mail: info@addiopizzotravel.it
Website: www.addiopizzotravel.it
Tel.: +39 380 1544 995

Kontakt in Deutschland:
Tel.: +49 30 3471 2101
E-mail: reisen@addiopizzotravel.it

Widerstände zu überwinden wäre eine verharmlosende Beschreibung dessen, was ADDIOPIZZO TRAVEL leistet und anbietet: nichts Geringeres als eine aufklärende und öffentliche Auseinandersetzung mit den Mafia-strukturen auf Sizilien - beispielsweise bei geführten Touren für Studenten- und Reisegruppen. Als touristischer Zweig der 2004 gegründeten Antimafia-Bewegung ADDIOPIZZO ("Adieu Schutzgeld") setzt sich ADDIOPIZZO TRAVEL dafür ein, jene Restaurants, Hotels, Pensionen und landwirtschaft-lichen Betriebe zu unterstützen, die sich ADDIOPIZZO angeschlossen haben und die Zahlung eines Schutzgeldes an die Mafia (in Palermo ist es die Cosa Nostra) verweigern. Denn, so der Slogan einer 2004 durchgeführten Plakataktion, die zur Gründung von ADDIOPIZZO führte: "Ein ganzes Volk, das Schutzgeld zahlt, ist ein Volk ohne Würde."
Rund 10.000 Bürger Palermos haben inzwischen den Mut aufgebracht, öffentlich zu erklären, dass sie bevorzugt in schutzgeldfreien Geschäften einkaufen wollen. Etwa 700 (überprüfte) Geschäftsinhaber, Handwerks-, Restaurant- und Hotelbetriebe zeigen durch ein ADDIOPIZZO-Label an, wo sie stehen. Ein eigener ADDIOPIZZO TRAVEL-Stadtplan hilft in- und ausländischen Palermo-Besuchern, diese "pizzo-freien" Unternehmen zu finden. Wer möchte, kann bei ADDIOPIZZO TRAVEL auch ein- oder mehrtägige geführte Themen-Touren und Ausflugsprogramme in Palermo und Umgebung buchen. Dazu gehört auf Wunsch auch ein Besuch im berühmt-berüchtigten Cosa Nostra-Ort Corleone. Dort befindet sich heute ein Dokumentationszentrum zum Thema "Mafia - Antimafia". Im Übrigen gehören zum Netzwerk von ADDIOPIZZO TRAVEL auch Agrotourismus-Betriebe, die auf konfiszierten Ländereien verurteilter Mafiosi wirtschaften und nun Übernachtungsmöglichkeiten sowie exzellente Verpflegung anbieten.

Im Norden von Mosambik, am Ostufer des Malawi-Sees, liegen 16 Dörfer mit annähernd 20.000 Einwohnern. Sie alle sind direkt oder indirekt Mitwirkende eines regionalen Entwicklungsprojektes mit dem Namen MANDA WILDERNESS PROJECT - NKWICHI LODGE. Dahinter verbirgt sich ein von drei Säulen getragenes, umwelt-, tourismus- und entwicklungs-politisches Konzept, das Vorbildcharakter hat. MANDA WILDERNESS

Mosambik:

MANDA WILDERNESS PROJECT – NKWICHI LODGE
Niassa Provinz
E-mail: info@mandawilderness.org
Website: http://mandawilderness.org/
Skype: nkwichi.lodge
Tel.: +44 2032863181

steht für die 120.000 Hektar große Manda Wilderness Community Conservation Area, welche die Einheimischen in Abstimmung mit der mosambikanischen Regierung selbst zum Naturschutzgebiet erklärt haben (erste Säule) und unter ihrer Regie nutzen und verwalten können, weil sie gesicherte Landrechte besitzen. Dafür haben sie eigens die kommunale Körperschaft Umoji gegründet (Umoji bedeutet: "Wir sprechen mit einer Stimme").
NKWICHI LODGE wiederum steht für die Schaffung von Einkommen, Arbeitsplätzen und Ausbildung im Tourismus (zweite Säule). Die 2003 nach behutsamen Beratungen mit Vertretern der umliegenden Dörfer aufgebaute Öko-Lodge ist heute weit und breit der einzige Betrieb, der den 52 mittlerweile gut ausgebildeten Einheimischen zu einem regelmäßigen Einkommen verhilft. Die an einem der schönsten Strandabschnitte des hier glasklaren Malawi-Sees gelegene Lodge - umgeben von einem tier- und pflanzenreichen Wald - entspricht ganz den luxuriösen Safari-Lodges von Ost- und Südafrika und wird dennoch nicht als Fremdkörper betrachtet. Im Gegenteil, für die meisten Bewohner symbolisiert NKWICHI LODGE das Versprechen auf eine bessere Zukunft. Nicht nur, weil das Management der Lodge bewusst auf die Region setzt (Arbeitskräfte, Einkauf von Materialien, Bauleistungen). Ausschlaggebend ist ferner, dass der Manda Wilderness Community Trust hier tätig ist - die dritte Säule - und sich um den Ausbau der Infrastruktur kümmert (Schulen, kleinere Kliniken, eine Lehr- und Demonstrationsfarm).

Im Zentrum des TO DO!-Wettbewerbs für sozialverantwortlichen Tourismus steht die Berücksichtigung unterschiedlicher Interessen der ortsansässigen Bevölkerung bei Planung und Durchführung von Tourismusprojekten. Dies soll durch aktive Partizipation der Einheimischen erfolgen. Dabei müssen für alle Beteiligten die Chancen und Risiken solcher Vorhaben transparent werden, ebenso das Ausmaß und die Streuung des wirtschaftlichen Nutzens. Zu den Kriterien des Wettbewerbs zählen ferner die Gewährleistung der Attraktivität touristischer Arbeitsplätze sowie Maßnahmen zur Erhaltung und Stärkung der einheimischen Kultur.

Die in London registrierte und spendenfinanzierte Stiftung ist der gemeinnützige Zweig des Projektes, ins Leben gerufen von den britischen NKWICHI LODGE-Gründern, die hauptberuflich in internationalen Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit tätig sind. Ihre ursprüngliche Motivation: Sie wollten der im Norden von Mosambik lebenden, von drei Jahrzehnten Kolonial- und Bürgerkrieg (1964-1992) betroffenen Bevölkerung helfen, eine bessere Zukunft aufzubauen. Dies ist gelungen.

Die Laudatio auf die jüngsten TO DO!-Gewinner hielt der Bundestagsabgeordnete Jürgen Klimke. Der Obmann der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie im Tourismusausschuss des Deutschen Bundestages betonte: "Alle drei Preisträger zeigen eindrücklich, wie wichtig es ist, dass sich die Tourismusentwicklung an den Menschen orientiert. Ohne die Partizipation der einheimischen Bevölkerung," so Klimke, "ohne ihr Recht auf Mitwirkung, Selbstbestimmung und ihr Recht auf Würde, kann ich mir keinen nachhaltig wirksamen Tourismus vorstellen."

Die Preisgelder für die diesjährigen TO DO!-Gewinner kamen erneut von der Schweizerischen Stiftung für Solidarität im Tourismus (SST) und von der ERV - Europäischen Reiseversicherung AG.

Veranstalter des TO DO!-Wettbewerb Sozialverantwortlicher Tourismus:

Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V. Bahnhofstraße 8 82229 Seefeld Tel. +49-(0)8152-999010
Fax: +49-(0)8152-9990166

E-Mail: info@studienkreis.org
www.studienkreis.org
www.to-do-contest.org

Die SST gehört seit vielen Jahren zum Kreis der Förderer des TO DO!-Wettbewerbs und zeichnet die Preisträger des Wettbewerbs mit einem Preisgeld von je 5.000 Schweizer Franken aus. Hansjörg Ruf, Präsident des Stiftungsrates betonte: "Bei den diesjährigen TO-DO!-Preisträgern kommt das Anliegen unserer Stiftung besonders deutlich zur Geltung: Solidarität im Tourismus, soziales Miteinander, verbunden mit einer nachhaltigen Zukunftsplanung. Mit dem Preisgeld für die TO DO!-Gewinner möchten wir deshalb auch dieses Jahr wieder unsere Anerkennung für die bisher geleistete Arbeit zum Ausdruck bringen und zur Diskussion in der Öffentlichkeit beitragen."
Seit 2004 stellt auch die ERV als Mitglied des TO DO!-Förderkreises Preisgelder von über 2.000 Euro zur Verfügung. "Wir freuen uns sehr, die diesjährigen Preisträger aus Bolivien, Italien und Mosambik auszuzeichnen und damit einen Beitrag zur Weiterentwicklung des sozialverantwortlichen Tourismus leisten zu können", sagt Daniela Jehle, Leiterin Geschäftsfeldmarketing. "Mit ihrem Mut, ihrer Durchsetzungskraft und Zielstrebigkeit haben die Gewinner selbst größte Widerstände überwunden und konnten damit auch die Lebensumstände ihrer Mitmenschen nachhaltig verbessern."
Der Studienkreisvorsitzende Armin Vielhaber nahm die 17. Preisverleihung zum Anlass, den Förder-Organisationen des TO DO! aus Politik, Gesellschaft und Tourismuswirtschaft besonders zu danken: "Wir könnten den Wettbewerb ohne diese finanzielle Unterstützung nicht durchführen. Der TO DO! wird weltweit wahrgenommen und geschätzt - mit inzwischen 330 Projektbewerbungen aus 75 Ländern und fünf Kontinenten. Wir würden uns freuen, wenn sich auch in der nächsten Runde Projekte aus Ländern bewerben, die bisher noch nicht vertreten waren."


______________________________________

Verantwortlich für den Text: Klaus Betz