Presse-Information
 


Ammerland, 09. März 2007
Nr. 05/2007
173 Zeilen à 60 Anschläge



TO DO! - Wettbewerb Sozialverantwortlicher Tourismus:  Die Gewinner kommen aus Argentinien und Palästina - und der israelische Laudator von "Combatants for Peace".

Der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V., Ammerland, hat heute die Preisträger des internationalen Wettbewerbs für sozialverantwortlichen Tourismus bekannt gegeben. Der TO DO! 2006 wurde im Rahmen der 41. Internationalen Tourismusbörse in Berlin verliehen: an je einen erfolgreichen Bewerber aus Argentinien und Palästina. Die Laudatio hielt der israelische Universitätsdozent für Hebräische Literatur, Dr. Haim Weiss, Mitglied der israelisch-palästinensischen Ex-Soldatengruppe "Combatants for Peace". Die Preisgelder wurden erneut von der "Schweizerischen Stiftung für Solidarität im Tourismus" und der "Europäischen Reiseversicherung" zur Verfügung gestellt.

Zu den TO DO! 2006-Gewinnern zählen: Der kleinbäuerliche Verein CAMINOS DE ALTAMIRA aus dem argentinischen La Consulta (Provinz Mendoza) sowie die palästinensische Nichtregierungsorganisation ALTERNATIVE TOURISM GROUP aus Beit Sahour, Palästina. Beide Bewerber konnten der gutachterlichen Überprüfung an Ort und Stelle standhalten.

Zu den Besonderheiten dieser zwölften Wettbewerbsrunde zähle, so der Studienkreisvorsitzende Armin Vielhaber, "dass wir - nach 1996 - erneut ein Gewinnerprojekt aus Palästina mit dem TO DO! auszeichnen können. Das war bei den nach wie vor schwierigen politischen Bedingungen im Nahen Osten nicht unbedingt zu erwarten. Unabhängig davon freut es uns", so Vielhaber, "dass wir mit den Preisträgern aus Argentinien und Palästina zwei Projekte auszeichnen können, die neben der Erfüllung der Wettbewerbskriterien einen Schwerpunkt auf Begegnungsprogramme gesetzt haben."

Im Zentrum der Wettbewerbskriterien des TO DO! für einen sozialverantwortlichen Tourismus stehen u.a. die Berücksichtigung unterschiedlicher Interessen der ortsansässigen Bevölkerung bei Planung und Durchführung von Tourismusprojekten. Sie soll durch aktive Partizipation der Einheimischen erfolgen. Dabei müssen für alle Beteiligten die Chancen und Risiken solcher Vorhaben transparent werden, ebenso das Ausmaß und die Streuung des wirtschaftlichen Nutzens. Zu den Kriterien des Wettbewerbs zählen ferner: die Gewährleistung der Attraktivität touristischer Arbeitsplätze sowie Vorsorgemaßnahmen zur Erhaltung und Stärkung der einheimischen Kultur.



Das Regionalentwicklungsprojekt des argentinischen Preisträgers CAMINOS DE ALTAMIRA verfolgt einen deutlich partizipativen, solidarischen Ansatz. Dort hat man nämlich, auf dem Höhepunkt der dramatischen argentinischen Wirtschaftskrise in den Jahren 2000 und 2001, völlig neu nachdenken und völlig neue Wege beschreiten müssen. Den bis dahin überwiegend von der Landwirtschaft und der Weinerzeugung lebenden Familien im fruchtbaren Valle de Uco (am Fuß der Anden) waren, als Folge der Wirtschaftskrise und der damit einhergehenden landesweiten Sperrung von Bankkonten, alle Märkte weggebrochen. Im Inland besaß damals kaum jemand noch Bargeld, um die Erzeugnisse der Bauern kaufen und bezahlen zu können, und für den Export war man plötzlich zu teuer. Denn ein argentinischer Peso entsprach seinerzeit einem US-Dollar, was dazu führte, dass man international nicht länger wettbewerbsfähig war (heute steht der Kurs bei 3:1). Aus dieser sehr großen Not heraus hat man die einzig richtige Schlussfolgerung gezogen. Das künftige Einkommen sollte durch Diversifikation erzielt werden - um auch in Zukunft noch in einer wunderschönen Landschaft existieren und den traditonellen, bäuerlich-ländlichen Lebensstil beibehalten zu können.

Eine der angestrebten Maßnahmen war es daher, den für dortige Verhältnisse völlig neuen "Agrotourismus" zu entwickeln, der immer zwei Effekte gleichzeitig auslösen kann: Erstens, dass man Bargeld-Einnahmen erwirtschaftet (durch Übernachtung und Bewirtung von Gästen) und zweitens, dass man durch die Direktvermaktung der Produkte einen optimalen Preis für seine Erzeugnisse erzielen kann (Inwertsetzung). Mit Unterstützung des staatlich landwirtschaftlichen Forschungsinstitutes INTA konnten die Gründungsmitglieder des Netzwerkes von CAMINOS DE ALTAMIRA außerdem das notwendige touristische Know-how erlernen (Kundenbetreuung, Programmgestaltung, regionales, umweltpolitisches und kulturhistorisches Wissen).

CAMINOS DE ALTAMIRA ist inzwischen ein eingetragener Verein und besteht heute aus insgesamt 16 Mitgliedern respektive Leistungsträgern (private Quartiergeber, landwirtschaftliche Betriebe, handwerklich aktive Familien und dem o.g. Forschungsinstitut INTA als kommerziell neutrale Förderorganisation). Sie alle gemeinsam haben für Besucher der Region ein wahlweise ein- bis zweitägiges Programm erarbeitet, das es interessierten Urlaubern möglich macht, Leben und Alltag der lokalen Bevölkerung kennen zu lernen. Motto: "Landleben in Argentinien". In den Details reicht das von Ausritten mit dem Sulky, über Wanderungen, Radtouren oder Weinproben bis hin zu gemeinsamen Grill- und/oder Musikabenden. Und - das dadurch erzielbare Einkommen wird nach einem bestimmten Schlüssel an die jeweiligen Leistungsträger verteilt. Besonders erfreulich ist für CAMINOS DE ALTAMIRA, dass man bereits seit 2004 mit dem deutschen auf Lateinamerika-Reisen spezialisierten Veranstalter Aventoura GmbH zusammenarbeitet und, bedingt durch die steigende Gästezahl aus dem Ausland, von einem wachsenden, stabiler werdenden Zusatzeinkommen durch Tourismus reden kann.

Adresse in Argentinien:

Caminos de Altamira
Sr. Marcelo Reynoso
Domicilio Ceretti 64
5567 La Consulta
Argentinien
Tel.: 0054-2622-471256
Fax: 0054-2622-471456
E-Mail: info@estacionvalledeuco.com.ar
Website: www.estacionvalledeuco.com.ar

Adresse in Deutschland:

Aventoura GmbH
Rehlingstr. 17
79100 Freiburg
Tel.: 0761-211699-0
Fax: 0761-211699-9
E-Mail: info@aventoura.de
Website: www.aventoura.de



Vor einem ganz anderem Hintergrund mit allerdings gleicher Zielrichtung ist auch der palästinensische Preisträger ALTERNATIVE TOURISM GROUP tätig. Die Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Beit Sahour (bei Bethlehem) legt ebenfalls größten Wert auf die direkte Begegnung mit der einheimischen Bevölkerung. Trotz der angespannten politischen Situation im Nahen Osten. Einerseits geht es ihr um das Erleben und Entdecken der palästinensischen Kultur (auch im Sinne einer neuen Image-Bildung über das Volk der Palästinenser), andererseits zählt für ALTERNATIVE TOURISM GROUP (ATG) aber auch, durch Übernachtungstourismus auf palästinensischem Gebiet ein zusätzliches Einkommen für die Bevölkerung zu erzielen. So gesehen hat ATG auch die Funktion einer kulturpolitisch verankerten, doch touristisch orientierten Incoming-Agentur.

Außenstehenden mag es angesichts des Nahost-Konflikts zunächst noch befremdlich erscheinen, touristische Aktivitäten im (von Israel besetzten) Westjordanland überhaupt in Betracht zu ziehen, doch Kenner wissen, dass kein Israeli und kein Palästinenser einen Gast wissentlich gefährden würde. Beiden Parteien ist permanent präsent, dass sie in einem Konfliktgebiet leben. Unter diesen Vorzeichen handeln sie - haben sie Besucher zu betreuen - stets umsichtig und verantwortungsvoll. Das Auswärtige Amt allerdings rät in seinen Sicherheitshinweisen grundsätzlich von Reisen in die palästinensischen Gebiete ab.

Die ATG-Gründungsgeschichte ist von einem Kreis von Intellektuellen in Beit Sahour geprägt, der sich schon 1995 mit der Frage beschäftigt hat, wieso Touristen ausschließlich die Geburtskirche in Bethlehem besuchen, um danach - ohne Kontakt zu Palästinensern zu suchen - sofort wieder abzureisen. In dem Wissen, am politisch geprägten Image bzw. an negativen Stereotypen über die Palästinenser so schnell nichts ändern zu können, hat sich dieser Gründerkreis zur Aufgabe gemacht, wenigstens einen Image-Wechsel auf der menschlichen Ebene anzustreben und als Graswurzel-Organisation zu versuchen, Menschen mit Menschen zusammenzubringen. Um dadurch langfristig, mit Hilfe eines gerechter funktionierenden Tourismus, mehrere Ziele zu erreichen. Zum Beispiel: Von dem überwiegend durch Israel kontrollierten und gesteuerten Tourismus im "Heiligen Land" ebenfalls zu profitieren und dafür zu sorgen, dieses dann mögliche Einkommen direkt an die Bevölkerung weiterzugeben. Dazu zählt auch, die vorhandene, in palästinensischem Besitz befindliche Infrastruktur anzubieten und nutzen zu können (Hotels, Restaurants, Transport, mehrsprachige Guides etc).

Seit 2000 arbeitet die ALTERNATIVE TOURISM GROUP mit dieser Zielvorgabe und ist inzwischen unabhängig und selbstständig. Insgesamt haben sich im Lauf der Zeit aber über elf kirchliche, entwicklungs- und sozialpolitisch engagierte Organisationen und Advocacy-Initiativen aus dem In- und Ausland als Ansprech- und Kooperationspartner engagiert und sorgen so für Reisegruppen aus u.a. Frankreich, Dänemark, Schweden, Niederlande, Italien und Deutschland. Auf diese Weise war es ATG gelungen, 1999 und 2000 jeweils bereits rund 2100 Gäste pro Jahr zu betreuen, während die Zahl nach der 2. Intifada und dem "11. September" drastisch auf unter 500 Besucher pro Jahr fiel, seitdem aber wieder steigt und gegenwärtig bei knapp 1200 Urlaubern liegt. Unabhängig von der Tatsache, dass die ALTERNATIVE TOURISM GROUP eine politische respektive gesellschaftspolitische Position hat, ist sie keine dogmatisch-propagandistische Organisation. Man will ja den wirklich sehr geschätzten Besuchern ein positiv besetztes, von Staunen geprägtes Erlebnis mit Palästinensern in Palästina vermitteln (Musik, Essen, Gespräche, Wohlfühlen). Einer der größten Trümpfe, mit denen ATG wuchern kann, sind knapp 100 Privatunterkünfte bei Familien, die im Städte-Konglomerat Beit Sahour, Bethlehem und Beit Jala leben und dort auf "Bed & Breakfast"-Basis Zimmer vermieten (überwiegend europäischer Standard mit eigenem Sanitärbereich). Das heißt, ATG vermittelt - neben Hotelunterkünften selbstverständlich - auch das Unterkommen bei Familien und kann dabei auch auf individuelle Wünsche eingehen (Alter, Familien mit Kindern, wenn möglich auch berufliche oder religiöse Interessen etc.). Immer geht es also um die direkte Begegnung und - um ein anderes Bild von und über Palästinenser.

Adresse:

Alternative Tourism Group
74 Star Street
P.O.Box 173
Beit Sahour, Palestine
Tel: +972-2-277 2151
Fax: +972-2-277 2211
E-Mail: info@atg.ps
Website: www.atg.ps



Das Vorgehen der mit dem TO DO! ausgezeichneten Projekte aus Argentinien und Palästina decke sich "nahtlos mit den Zielen der ‚Schweizerischen Stiftung für Solidarität im Tourismus' (SST)", sagte deren Präsident Hansjörg Ruf bei der Preisverleihung. Solche politischen bzw. regionalpolitischen Entwicklungen zu unterstützen und zu fördern, sei daher "erneut der Anlass gewesen, ein Preisgeld in Höhe von 5000 Schweizer Franken pro Preisträger zur Verfügung zu stellen", betonte Ruf. Die "Schweizerische Stiftung für Solidarität im Tourismus" unterstütze "Organisationen, Projekte und Initiativen, die eine nachhaltige Tourismusentwicklung fördern", weil sie dazu beitragen könnten, so der Stiftungspräsident, "die Lebensgrundlagen der Bevölkerung in touristischen Zielgebieten zu erhalten, ihre wirtschaftlichen Verhältnisse zu verbessern und die Umwelt zu schützen."

Hansjörg Ruf kündigte außerdem an, dass der Stiftungrat beschlossen habe, ab der für 2007 neu auszuschreibenden Wettbewerbsrunde, dem Kreis der TO DO!-Förderer beizutreten - über die bisher schon bereit gestellten Preisgelder hinaus. Seit 2004 unterstützt auch die "Europäische Reiseversicherung AG" die TO DO!-Preisträger und stellt einen Geldpreis von insgesamt 2100 Euro zur Verfügung. Helmut Held, Vorstand Vertrieb und Marketing der "Europäischen" sagte während der Preisverleihung: "Immer wieder beweisen die Preisträger, wie die ortsansässige Bevölkerung in ihren Projekten die Initiative ergreift, Ideen umsetzt und erfolgreich lebt." Zudem seien die ausgezeichneten Projekte immer auch mit den Prinzipien der Umweltverträglichkeit vereinbar, betonte Held. Nachhaltigkeit sei ein Unternehmensziel der Europäischen, denn, so gab das Vorstandsmitglied der Europäischen zu bedenken, was nütze es, als Versicherer den Menschen bei Krankheit und Unfall auf Auslandreisen beizustehen, wenn das Reisen selbst durch Schädigung von Natur und Umwelt immer weniger attraktiv würde. "Wir freuen uns mit den Preisträgern 2006 und wünschen ihnen für die Zukunft viel Erfolg", sagte Held.

Erfreulich sei ferner, so Studienkreis-Geschäftsführerin Dr. Dietlind von Laßberg, dass für den TO DO!-Wettbewerb weitere Förderer gewonnen werden konnten. So zähle seit der Wettbewerbsrunde 2006 nun auch Studiosus Reisen München GmbH, neben dem österreichischen Veranstalter VASCO - Die gute Reise, zu jenen Unternehmen, die den TO DO!-Wettbewerb finanziell unterstützen. Andere Reiseveranstalter seien eingeladen, dem Beispiel von Studiosus und VASCO zu folgen, betonte von Laßberg.

Der TO DO!-Wettbewerb wird veranstaltet vom:

Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V.

in Zusammenarbeit mit den langjährigen Förderern:
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Ecumenical Coalition on Tourism
Evangelischer Entwicklungsdienst (EED) e.V. - Tourism Watch
Europäische Reiseversicherung AG
Messe Berlin GmbH
Studiosus Reisen München GmbH
VASCO - Die gute Reise

Der TO DO!-Wettbewerb wird Ende April 2007 erneut ausgeschrieben und wiederum von staatlicher und kirchlicher Seite sowie von Unternehmen aus dem Tourismusbereich unterstützt.

______________________________________
Verantwortlich für den Text : Klaus Betz