Presse-Information
 


Ammerland, 07. März 2007
Nr. 04/2007
65 Zeilen à 60 Anschläge



Keep walking:
SympathieMagazin "Libanon verstehen" erschienen


"Wer glaubt, er habe den Libanon verstanden,
dem hat man ihn nicht richtig erklärt."

(Libanesisches Bonmot)


Mit Galgenhumor kann man es nicht begründen, aber vielleicht mit zähem Optimismus. Warum sonst hofft Hausbesitzerin Badia, dass möglichst bald wieder viele Touristen kommen?! Die Zimmervermieterin in Deir Al-Ahmar - mit Ausblick auf die fruchtbare Bekaa-Ebene - lässt derzeit gerade ein neues Bad bauen. Die antiken Stätten von Baalbeck liegen bei ihr sozusagen vor der Haustüre; die maronitische Christin schwärmt davon, dass man morgens im Libanon-Gebirge noch Skifahren und mittags schon mit den Flip-Flops an den Strand ziehen könne.

Nein, der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung hat sich bei der Herausgabe des neuen SympathieMagazins "Libanon verstehen" nicht etwa im Land vergriffen, er sorgt lediglich dafür, dass auch und gerade in schwierigen Zeiten das Verständnis für die äußerst komplexen gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten dieses Nahostlandes befördert wird. Das heißt auch: eine Berichterstattung über möglichst viele Facetten des Alltags - was kritisch reflektierende Themen nicht ausschließt.

So erzählt ein Beitrag beispielsweise über das Missverhältnis zwischen "Solidarität und Solidere". Während eine sozialpolitisch geprägte Solidarität mangels staatlicher Präsenz so gut wie nicht stattfindet - wenn, dann höchstens innerhalb von Großfamilien und Konfessionsgruppen -, steht der Begriff von Solidere allenfalls für das Wohlergehen der "Happy Few". Solidere heißt nämlich ein Nobelviertel in Beirut, und dort versammeln sich die Reichen und Mächtigen des Landes. Dem gegenüber liegt nun das Durchschnittseinkommen der libanesischen Bevölkerung mit 6 180 US-Dollar pro Kopf im Jahr noch deutlich unter der für Entwicklungsländer definierten Obergrenze (10 065 US-Dollar). Es gibt also viel Armut und hohe Arbeitslosigkeit - neben einer unerfüllten Sehnsucht nach "Normalität".

Denn, auch das ist klar, bedingt durch die kriegerischen Auseinandersetzungen vom Sommer 2006 wurde der Zedernstaat in seiner Entwicklung erneut zurückgeworfen. Im Süden des Landes und in Beirut sind große Teile der Infrastruktur zerstört worden; Wasser- und Abwasserkanäle, Stromleitungen, Brücken und viele private Häuser mussten und müssen neu gebaut werden.

Am schnellsten "hilfsbereit" zeigte sich in dieser Situation die Hisbollah (wörtlich: Partei Gottes). Sie ist heute die stärkste politische Kraft unter den libanesischen Schiiten. Durch ihren "erfolgreichen" Widerstand gegen die israelische Besatzung und durch ein großzügig finanziertes Sozialsystem - Schulen, Krankenhäuser, Existenzgründungskredite - ist es der Partei gelungen, eine große Mehrheit dieser ökonomisch und politisch lange marginalisierten Bevölkerungsgruppe an sich zu binden. Mit Hilfe Teherans hat die Hisbollah sehr rasch Kompensationszahlungen an die betroffene Bevölkerung im Südlibanon geleistet, was ihr weiteren Zuspruch einbrachte - zumal die Hilfe der Regierung nach dem Waffenstillstand Wochen auf sich warten ließ.

Es ist die Gleichzeitigkeit der Extreme, die das neue "Libanon verstehen" zu einer "wahren Herausforderung" gemacht haben, schreibt der Studienkreis-Vorsitzende Armin Vielhaber im Vorwort des Magazins. Kein Wunder: Auf der einen Seite findet sich im neuen Libanon-Heft der Bericht über einen Umweltschützer, der sich im Naturpark Schuf-Gebirge engagiert, auf der anderen Seite baut sich eine Mutter von zwei Kindern einen kleinen, häuslichen Heiligenschrein. Es sei ihr "Ort, um zu trauern", berichtet sie. Ihr Mann und Vater der Kinder gehört nämlich zu jenen 15 000 Opfern, die im Bürgerkrieg der achtziger Jahre verschleppt wurden und verschwunden sind. Bis heute.

Und wenn man sich dann noch vor Augen führt, mit welcher ironischen Lust die Libanesen mit sich und ihrer Situation umgehen, ahnt man, was das Wort Herausforderung bedeuten kann: gemischte Gefühle. Wie zum Trotz schmücken im Beirut dieser Tage großflächige Werbeplakate ganze Häuserfassaden. Darauf ist ein galant über zerstörte Brücken hinweg spazierender "Johnny Walker" zu sehen - und darunter steht kurz und knapp: Keep walking.

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Verantwortlich für den Text: Klaus Betz


Das SympathieMagazin "Libanon verstehen" wurde redaktionell betreut von:
Martina Sab.

Das Einzelexemplar kann für Euro 3,60 per Lastschrift (www.sympathiemagazin.de) oder gegen Voreinsendung eines Verrechnungsschecks beim Studienkreis für Tourismus und Entwicklung (D-82541 Ammerland, Kapellenweg 3) bezogen werden. Ab 50 Exemplare gelten Stückpreise zwischen Euro 1,55 und 1,45 (zzgl. Versandkosten und MwSt.).

Die Herausgabe von "Libanon verstehen" wurde unterstützt von:
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ), Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ).