Presse-Information
 


Ammerland, 5. Oktober 2000
Nr. 12/2000
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Tourismus in Entwicklungsländer -
Ammerlander Studienkreis legt neue Untersuchung vor

Der Tourismus in die sogenannten Entwicklungsländer nimmt weiter zu. Nach Angaben der Welttourismusorganisation (WTO) stiegen die in Entwicklungsländern registrierten ausländischen Touristenankünfte zwischen Anfang und Ende der neunziger Jahre um 46% von 130 Mio. auf 190 Mio. Das sind etwa ein Drittel der weltweiten Tou-steakünfte. In jedem dritten Entwicklungsland ist der Tourismus inzwischen die Haupteinnahmequelle für Devisen. Urlauber und Geschäftsreisende, die in Entwicklungsländer reisen, sind daher eine gefragte Zielgruppe für die Wirtschaft in diesen Ländern - aber auch für die Reisebranche in den Entsendeländern..

Auf Deutschland bezogen zeigt sich, so eine der Kernaussagen der soeben veröffentlichten Untersuchung des Studienkreises für Tourismus und Entwicklung, dass allein in 1999 5,5 Mio. Deutsche (ab 14 Jahre) ihre Haupturlaubsreise in ein Entwicklungsland unternommen haben (Anfang der achtziger Jahre waren es noch 800 000). 3,1 Mio. machten in den nahe gelegenen Entwicklungsländern des Mittelmeer-raumes (Marokko, Tunesien, Ägypten, Türkei etc.) Urlaub - 2,4 Mio. wählten ein fern gelegenes Entwicklungsland in Asien, Afrika, Lateinamerika oder in der Karibik. In den achtziger Jahren war die Zahl der Urlauber, die mediterrane Entwicklungsländer bereisten, besonders stark gestiegen (bedingt durch das Hinzukommen der Türkei als Reisezielland). In den Neunzigern zeigen dagegen die Fernreisenden die stärksten Zuwächse - angelockt vor allem durch karibische Reiseziele.

In der Struktur der deutschen Entwicklungsländer-Reisenden haben sich Veränderungen ergeben: Personen mit mittlerer und niedriger formaler Bildung zeigten zum Beispiel überproportionale Zuwächse, die ihre Ursachen nicht zuletzt in Niedrigpreisen auf der Angebotsseite haben dürften, von denen sich die mittleren und unteren Bildungs- und Einkommensschichten besonders angesprochen fühlten.

Im Januar 2000 verfügten bereits 27% der Deutschen (ab 14 Jahre) - das sind 17 Mio. Personen - über Urlaubsreiseerfahrung in mindestens einem Entwicklungsland. Die Ammerlander Tourismusforscher erwarten, dass die Zahl deutscher Urlauber, die in Entwicklungsländer reisen, auch in den kommenden Jahren weiter zunimmt. Das Marktpotenzial für einen Dreijahreszeitraum ist Anfang 2000 mit 18 Mio. Personen mehr als doppelt so groß wie vor ca. zehn Jahren.

Urlaubsreisen aus den Industriestaaten in die Entwicklungsländer sind aber nicht nur volumenmäßig weiter angestiegen. Auch die von ihnen (mit-)verursachten Probleme sind deutlicher und zum Teil gravieren-der geworden. Fehlentwicklungen haben Parlamente, Regierungen und Weltkonferenzen beschäftigt. Tourismuskritische Organisationen im Norden und Süden haben sich zu internationalen Netzwerken zu-sammengeschlossen. Die gestiegenen Probleme werden auch durch die Ergebnisse einer in der neuen Studie enthaltenen Befragung deutscher Reiseveranstalter bestätigt. Neben positiven Wirkungen des Tourismus im wirtschaftlichen Bereich (Deviseneinnahmen, Schaffung von Arbeitsplätzen, Ausbau der Infrastruktur etc.) werden von allen Befragten negative Auswirkungen auf die touristischen Zielländer des Südens gesehen und unmissverständlich benannt. Deutlich vorn stehen hier die soziokulturellen Beeinträchtigungen der "gastgebenden" Bevölkerung (u.a. durch Sextourismus, Kinderprostitution, kulturelle Verfremdung und Identitätsverlust), gefolgt von negativen Auswirkungen des Tourismus auf die natürliche Umwelt der Zielgebiete sowie wirtschaftlichen Abhängigkeiten.

Im Vergleich zu einer identischen Befragung Anfang der neunziger Jahre ist bei den Reiseveranstaltern das Problembewusstsein für die negativen Aspekte des Entwicklungsländer-Tourismus deutlich gestiegen. Umweltschädigungen haben aus ihrer Sicht klar an Bedeu-tung gewonnen. Die Reiseveranstalter erwarten nicht nur von den Zielländern und den Regierungen dort wie hier Verbesserungsmaßnahmen. Nach ihrer Ansicht sollten auch die Touristen durch angepasstes, respektvolles Urlaubsverhalten sowie durch erkennbares Interesse an Land und Leuten zum Abbau von Fehlentwicklungen bei-tragen. Von sich selbst erwarten die Veranstalter vor allem Verbesserungen im Bereich entsprechender Information und Aufklärung der Touristen vor und während der Reise.

Manche Reiseunternehmen sehen sich gefordert, ihre Reiseangebote zum besseren Kennenlernen von Land und Leuten zu qualifizieren. Beispielsweise durch Programme mit Begegnungscharakter und Angebote zum bewussteren Urlaubserlebnis (weg vom bloßen Konsum), durch gezielte Förderung von authentischer Begegnung statt klischeehaften Touristenshows. Ein Teil tritt für stärkere ökonomische Partizipation der Einheimischen ein, für den verstärkten Einsatz von einheimischen Reiseleiterinnen und Reiseleitern sowie für die Erhöhung der Wertschöpfung in den Zielgebieten.

Solche und andere Verbesserungen sind leichter umsetzbar, wenn sie von wesentlichen Teilen der Urlauber akzeptiert und durch entsprechendes Reise(entscheidungs)verhalten mitgetragen werden. Nach der Untersuchung des Studienkreises finden sich Ende der neunziger Jahre unter den deutschen Entwicklungsländer-Reisenden mit einem insgesamt 50%igen Anteil zwei stark begegnungsinteressierte Urlaubertypen, die ansprechbar sind.

  • für persönliche Begegnungen mit der einheimischen Bevölkerung in ihrer alltäglichen Umgebung abseits der touristischen Zentren,
  • für ein Zusammentreffen mit Einheimischen, die einen ähnlichen Beruf oder ähnliche Hobbies haben wie man selbst,
  • für gute Informationen über Land und Leute, Sitten und Gebräuche vor Reiseantritt und während der Reise.

Hier handelt es sich zum einen um Urlauber, die, zusammen mit Gleichaltrigen oder Freunden, Land und Leute kennen lernen wollen. Und das vor allem (aber nicht ausschließlich!) im Rahmen organisierter Ausflüge in Begleitung eines Reiseleiters (29%). Zum andern sind es Personen, die das lieber auf eigene Faust tun möchten (21%).

Ein dritter Urlauber-Typus (25%) ist an Begegnungen mit Einheimi-schen nicht besonders interessiert, zeigt jedoch starkes Interesse an Informationen über Land und Leute - sowohl vor Reiseantritt als auch im Rahmen von organisierten Ausflügen.

Wirklich schwer oder gar nicht ansprechbar für Begegnungen mit Einheimischen oder gute Informationen über Land und Leute sind weitere 25%, die überwiegend am erholungsorientierten Urlaubmachen interessiert sind.

Die Untersuchung des Studienkreises - die u.a. basiert auf fast
8.000 Interviews im Rahmen der jährlich von F.U.R durchgeführten Reiseanalyse - enthält Anhaltspunkte dafür, dass sich eine zunehmende Reiseerfahrung und Länderkenntnis positiv auswirkt auf das Interesse, fremde Länder und Menschen wirklich besser kennen zu lernen. Die Autoren der Studie sind überzeugt, dass persönliche touristische Erfahrungen in Entwicklungsländern einen wesentlichen Einfluss haben auf die Urteilsbildung über diese Länder und die dort lebenden Menschen. Entwicklungsländer-Reisende können zu Hause in ihrem sozialen Umfeld als Multiplikatoren in Sachen Weltverständnis eine wichtige Rolle spielen.

Die Studie "Tourismus in Entwicklungsländer" ist in aktualisierter Neufassung erschienen - als Fortschreibung der 1993 veröffentlichten und vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) herausgegebenen "Materialien Nr.88".

Den mit der Thematik bisher nicht vertrauten Lesern soll vor allem ein exemplarisch geraffter Überblick zum Tourismus in Entwicklungsländer ermöglicht werden. Dem Fachpublikum werden ausgewählte quantitative und qualitative Eckdaten und Informationen zur Verfügung gestellt - über die Dimensionen, Strukturen, Wirkungen sowie Qualifizierungsansätze und -möglichkeiten im Entwicklungsländer-Tourismus. Die Herausgabe wurde unterstützt durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie durch Dienste in Übersee/Tourism Watch.

Aderhold/v.Laßberg/Stäbler/Vielhaber:
Tourismus in Entwicklungsländer.
Ammerland 2000.
248 Seiten. Preis: DM 39,- zzgl. Versandkosten

Zu beziehen bei: Studienkreis für Tourismus und Entwicklung, Kapellenweg 3, D-82541 Ammerland/Starnberger See, E-Mail studienkreistourismus@compuserve.com