Presse-Information
 


Ammerland, 12. März 2000
Nr. 6/2000
214 Zeilen à 60 Anschläge

Preisträger des TO DO!99
Wettbewerb Sozialverantwortlicher Tourismus

Der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V., Ammerland, hat heute die Preisträger des internationalen Wettbewerbs für "Sozialverantwortlichen Tourismus" bekanntgegeben. Der TO DO!99 wurde im Rahmen der 34. Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin an drei Projekte verliehen.

Unter den Gewinnern befinden sich - erstmals überhaupt - Vertreter des afrikanischen Kontinents, sie kommen aus Tansania. Ein weiterer Preisträger stammt erneut aus Lateinamerika, diesmal aus Brasilien, und im fünften Jahr des Wettbewerbs konnte sich endlich auch eine deutsche Bewerbung durchsetzen. "Die Jury freut sich sehr", so Studienkreis-Geschäftsführer Armin Vielhaber, "dass sie eine der drei TODO!-Trophäen in die neuen Bundesländer vergeben kann."

Ausgezeichnet - unter insgesamt 14 Bewerbern aus 13 Ländern und vier Kontinenten - wurden das CULTURAL TOURISM PROGRAMME aus Arusha, Tansania, das Tourismusprojekt der Dorfgemeinschaft von PRAINHA DO CANTO VERDE aus dem Bundesstaat Ceará, Brasilien, sowie die LEHM + BACKSTEINSTRASSE e.V., Ganzlin, Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland.

Alle drei Initiativen überzeugten die Jury - gemäß der Kriterien des Wettbewerbs - "durch ihren ganzheitlich-sozialverantwort-lichen Ansatz", ergänzte die stellvertretende Studienkreis-Geschäftsführerin Dr. Dietlind von Laßberg. Im fünften Jahr des Wettbewerbs sei erkennnbar, dass z.B. bei "einer Reihe von Projekten auch ‚Widerstand‘ und ‚Abwehrkampf‘ gegen fremdbestimmte Maßnahmen eine tragende Rolle für eine sozialverantwortliche Tourismusentwicklung gespielt haben", berichtete von Laßberg weiter.

Der TODO!-Wettbewerb zeichne sich durch etwas aus, so die prominente Journalistin und Buchautorin Dr. Gabriele Krone-Schmalz in ihrer Laudatio, "das in erster Linie mit demokratischen Verhaltensweisen zu tun" habe. Kern der Sache sei stets: "selber machen, mitgestalten und sich beteiligen", so die Laudatorin, denn es sei eine Tatsache, "dass sowohl 'Hilfe zur Selbsthilfe' als auch 'Eigeninitiative' ganz eng mit der Würde des Menschen verknüpft sind. Mit seiner Anerkennung und Respektierung als selbstbestimmtes Wesen."

Besonders deutlich wird dies durch den erfolgreichen Widerstand der Dorfgemeinschaft von PRAINHA DO CANTO VERDE in Brasilien. Bis heute sind die kilometerlangen Strände des Fischerdorfes nicht überbaut, und dennoch hat sich dort eine dazu passende Form von Tourismus entwickelt. Die Verhältnisse in PRAINHA DO CANTO VERDE sind zwar unverändert von wirtschaftlicher Armut geprägt, aber von einem gewachsenen Selbstbewusstsein und einer optimistischen Perspektive für die Zukunft. Sich gemeinsam gegen die Machenschaften eines Immobilienspekulanten und seiner bewaffneten Handlanger zu wehren schweißt zusammen. Daraus aber auch noch die Energie abzuleiten, eine durchdachte Konzeption für eine selbstbestimmte Zukunft zu gestalten und (!) sie umzusetzen, das erst macht die Vorgehensweise in dem kleinen Fischerdorf zu einem preiswürdigen und gesellschaftspolitisch hochrangigen Vorgang.

Eine der ersten Maßnahmen nach dem oben erwähnten Abwehrkampf war die Verabschiedung eines Zonenreglements, in dem über die dörfliche Generalversammlung festlegt wurde, wer künftig im Dorf wie bauen darf. Dieses Organ, die Generalversammlung, ist seitdem der oberste Souverän des örtlichen Einwohnervereins (der "Associação dos Moradores"), der sich wiederum in fünf verschiedene Räte gliedert: den Fischereirat, den Gesundheitsrat, den Schulrat, den Handarbeitsrat und den Tourismusrat - die für sich jeweils eine Kooperative bilden und steuern, um wirtschaftlich und fiskalisch tätig zu sein.

Damit wird deutlich, dass der Tourismus in PRAINHA DO CANTO VERDE in ein Organisationsschema eingebunden ist, das stets die Entwicklung der gesamten Dorfgemeinschaft im Auge hat und lediglich eine von drei möglichen Einkommensquellen darstellt. Das Haupteinkommen wird unverändert durch die Fischerei erzielt, aber bei einem durchschnittlichen Monatsverdienst von umgerechnet etwa 180,- Mark bietet der Tourismus ein willkommenes Zusatzeinkommen. Gleiches gilt für den Verkauf von Stickereien und einer neuerdings eigens kreierten Strandmode, um deren Absatz sich der Handarbeitsrat kümmert. Kommen Seminargäste in das Dorf (um das "Modell" PRAINHA DO CANTO VERDE zu studieren), können die Mitglieder der "fliegenden" Küchen- und Kaffee-Brigade innerhalb von drei bis vier Tagen ebenfalls ein respektables Zusatzeinkommen erzielen (während zugleich meist sämtliche Pensionszimmer ausgebucht sind). Kaufen die Besucher dann noch in der neu eröffneten "Loja de Artesanato" (wörtlich: "Loge des Kunsthandwerks") Stickereien, Strandmode oder Spielzeug, das von Kindern in der Schule gebastelt wurde, verdienen letztlich fast alle 150 Familien des Dorfes gleichzeitig.

Aus allen touristischen Einnahmen werden bis zu 20 Prozent an die jeweiligen Kooperativen abgeführt, woraus wiederum ein Sozialfonds und ein Erziehungsfonds gespeist und notwendige Gemeinschaftsaufgaben bezahlt werden (Schultransporte, Krankenstation, Müllabfuhr etc.). Bewundernswert ist, dass die Dorfgemeinschaft von PRAINHA DO CANTO VERDE dies alles aus überwiegend eigener Kraft zu Wege gebracht hat - ohne nennenswerte staatliche Unterstützung.

Nicht weniger sozialverantwortlich und selbstbestimmt aufgebaut ist auch die deutsche LEHM + BACKSTEINSTRASSE rund um Ganzlin, Lübz und Plau - westlich der Mecklenburgischen Seenplatte. Mit einem großen Unterschied allerdings: Hier zeigt es sich, wie schnell und vor allem wie weit man mit vernünftig eingesetzten öffentlichen Fördermitteln kommen kann, sofern es der politische Wille zulässt, sinnvolle Maßnahmen für eine ganze Region zu unterstützen, statt mit prestigeträchtigen Großvorhaben glänzen zu wollen.

Der Bereich der LEHM + BACKSTEINSTRASSE wird auch heute noch als "besonders strukturschwacher Raum" eingestuft und hat eine Bevölkerungsdichte von gerade einmal 48 Menschen pro Quadratkilometer. Angesichts der vermeintlichen Chancenlosigkeit nach der Wiedervereinigung - der heimische Arbeitsmarkt war damals praktisch zusammengebrochen - drohte die Abwanderung insbesondere der jungen Bevölkerung. Diese absehbare Fehlentwicklung nach Möglichkeit aufzufangen, hat sich schon 1990 ein Verein vorgenommen, der in seinem ungewöhnlichen Namen auch gleich das Programm ankündigt. Es ist der FAL e.V., der "Verein zu Förderung ökologisch-ökonomisch angemessener Lebensverhältnisse" mit Sitz in Ganzlin. Der heute als Bildungs- und Beschäftigungsträger wirkende Verein ist darüber praktisch zur Antriebsfeder geworden - für ein innerhalb der LEHM + BACKSTEINSTRASSE existierendes Geflecht von miteinander kooperierenden anderen Beschäftigungsgesellschaften, heimischen Handwerkern, Öko-Baufirmen, Ausbildungsorganisationen, Hotels, Gastronomiebetrieben, Vereinen, Verbänden und Kommunen.

Herausgekommmen ist ein Resultat, das innerhalb Deutschlands durchaus als Maßstab gelten könnte. Längs der patentrechtlich geschützten LEHM + BACKSTEINSTRASSE wurden (immer dem Thema folgend) ganze Backstein-Ensembles vor dem Verfall gerettet, es wurde ein Lehmmuseum eingerichtet und Häuser in Lehmbauweise auch völlig neu gebaut. Eine Ziegelei ist heute ein "technisch produzierendes Denkmal", ein ehemals russischer Truppenübungsplatz ist jetzt Naturschutzgebiet (das zuvor, für eine Million Mark, von Munition und Militärschrott befreit werden musste). Daneben wurden 30 000 Bäume und Heckengehölze neu gepflanzt, Kleingewässer renaturiert, Gutshäuser zu Hotels umgebaut, und - das Wichtigste - zahllosen Menschen wurde die Arbeitslosigkeit erspart. Für ganze 30 Millionen Mark an Lohn- und Sachkosten, verteilt auf zehn Jahre.

Kurz, herausgekommen ist eine Art "Studienreise zum Anfassen". Man kann detailliert nachvollziehen, wie gemeinschaftlich erbrachte Leistung aus der Region kommt, wie sie ihr dient und dort verankert bleibt.

Den annähernd gleichen Gedanken verfolgt auch das CULTURAL TOURISM PROGRAMME aus Arusha, in Tansania. Allerdings sind die Voraussetzungen dort völlig andere. Speziell in Arusha - dem Dreh- und Angelpunkt für Kilimanjaro-Besteigungen und Safari-Ausflüge in die Serengeti - hat sich längst ein Tourismusgewerbe etabliert, das überwiegend in Händen von Ausländern liegt. An einem Großteil der Bevölkerung in der Region gehen die damit verbunden touristischen Einkommensmöglichkeiten vollständig vorbei. Doch seit es das CULTURAL TOURISM PROGRAMME (CTP) gibt, hat sich die Situation verändert.

Seit 1997 steht das Kürzel CTP für den erfolgreich gelungenen Versuch, andere Wege zu gehen. Das CULTURAL TOURISM PROGRAMME zeigt, dass man parallel und ohne mit dem Mainstream-Tourismus in Konkurrenz treten zu müssen, ein völlig neues Produkt entwickeln kann, dessen Gewinne unmittelbar den Einheimischen und damit auch den dörflichen Gemeinschaften zugute kommen kann.

Das CULTURAL TOURISM PROGRAMME für sich betrachtet funktioniert als ein Netzwerk voneinander unabhängig operierender lokaler Gemeinschaften, die, verstreut über das Land, an verschiedenen Orten ihr individuell gestaltetes Tourenpaket (sog. "Module") offerieren. Koordiniert wird das Netzwerk vom Zentralbüro in Arusha.

Angeboten werden geführte Wanderungen und Trekkingtouren oder auch die Wissensvermittlung zum kulturellen Erbe der Maasai-Stämme und deren Geschichte. Außerdem erfährt man auf diesen Exkursionen viel über das "Wildlife" sowie über die Flora und ihre Anwendung für medizinische Zwecke. Mal besichtigt man eine Käserei, mal eine Schmiede, in der Maasai-Speere gehämmert werden, mal einen Viehmarkt.

Wichtiger Eckpunkt dieser Programme ist die Möglichkeit zur Teilnahme am Gemeinschaftsleben. "Sharing community life" ist eines der besonderen Highlights. Es bezeichnet die Begegnung und das unmittelbare Gespräch mit den Menschen in den jeweiligen Dörfern, wobei die begleitenden "Guides" als Vermittler und Dolmetscher fungieren. Auf diese Weise fühlt man sich schon nach kurzer Zeit nicht länger als Eindringling, sondern als gern gesehener Gast. Dadurch hat man endlich die Möglichkeit, das zu erleben, was Reiseprospekte häufig nur versprechen, aber selten halten: den "hautnahen Kontakt zu fremden Kulturen".

Dienstleister des Programms sind die erwähnten "Guides", dazu zählen jedoch auch die Gast-Familien, die Hotels oder "Women Groups", die beispielsweise das "Catering" übernehmen. Alle Beteiligten werden gemäß ihrer Leistung (zu vorher festgelegten Preisen) bezahlt, hinzu kommt noch eine überall obligatorisch eingezogene "Village Development Fee" (eine Dorfentwicklungsgebühr). Etwa zehn Prozent der Gesamtsumme gehen in einen Fonds, aus dem kommunale Vorhaben bezuschusst und finanziert werden. So gesehen könnte diese Vorgehensweise der Anfang vom Ende des kolonial geprägten Tourismus in Afrika sein. Es braucht keine generösen "Geber" und keine davon abhängig gemachten "Nehmer". Für den Erfolg einer Idee und der damit verbundenen Würde - so lässt es sich bei allen drei TODO!-Preisträgern ablesen - bedarf es lediglich einer fair angelegten Partnerschaft. "Jeder, der sagt, das geht nicht", so Gabriele Krone-Schmalz, "soll den nicht stören, der es gerade tut."

"Der TO DO!-Wettbewerb wird ab Mai 2000 erneut ausgeschrieben und wiederum von staatlicher und kirchlicher Seite sowie von Unternehmen aus dem Tourismus- und Verlagsbereich unterstützt", sagte Armin Vielhaber.

Der Wettbewerb wird gefördert vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), der Ecumenical Coalition on Third World Tourism, dem Katholisches Auslandssekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, dem Klett-Perthes Verlag, der Messe Berlin GmbH, der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit im Außenministerium/respect und Tourism Watch - Fachstelle des Kirchlichen Entwicklungsdienstes der EKD.

Zu den diesjährigen Unterstützern des TO DO! zählen ferner:

Air France, Mecklenburgische Brauerei Lübz GmbH, Studiosus Reisen München GmbH, Swissair, Varig.

Weitere Informationen:

Studienkreis für Tourismus und Entwicklung, Kapellenweg 3, 82541 Ammerland/Starnberger See, Telefon 08177-1783, Fax 08177-1349

Verantwortlich für den Text: Klaus Betz

   
   
  CULTURAL TOURISM PROGRAMME
P.O. Box 10455
Arusha
Tel./Fax 00255-57-7515
Internet: http://www.habari.co.tz/culturetours
E-Mail via Tom Ole Sikar: tourinfo@habari.co.tz
   
  LEHM + BACKSTEINSTRASSE e.V.
Am Bahnhof 2
D-19395 Ganzlin
Tel. 0049-(0)38737-20207
Fax 0049-(0)38737-20117
E-Mail: fal-ganzlin@otelo-online.de
   
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Caixa Postal 52722
Fortaleza, Ceará 60151-000
Fax 0055-884131426
E-Mail via René Schärer: terramar@fortalnet.com.br