Presse-Information
 


Ammerland, 09. März 2003
Nr. 04/2003
190 Zeilen à 50 Anschläge



Wettbewerb Sozialverantwortlicher Tourismus:
TO DO!2002 - Preisträger kommen aus Marokko und Jordanien


Der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V., Ammerland, hat heute die Preisträger des internationalen Wettbewerbs für sozialverantwortlichen Tourismus bekannt gegeben. Der TO DO! 2002 wurde im Rahmen der 37. Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin an zwei Bewerber verliehen. Die Preisträger kommen aus Marokko und Jordanien. Beide Nationen sind zum ersten Mal unter den TO DO!-Gewinnern vertreten. Eine von der Jury als drittes mögliches Preisträgerprojekt in Erwägung gezogene Bewerbung konnte der gutachterlichen Überprüfung an Ort und Stelle, gemessen an den Kriterien des Wettbewerbs, nicht standhalten.
Ausgezeichnet - unter insgesamt 17 Bewerbungen aus 14 Ländern - wurden das Tourismus- und Sozialprojekt SOCIETÉ RENARD BLEU TOUAREG im südmarokkanischen Zagora und das DANA NATURE RESERVE im Wadi Dana, im südlichen Jordanien. "Dass dieses Mal Tourismus-Projekte in arabisch-islamisch geprägten Ländern den TO DO!-Preis erhalten, freut uns ganz besonders in einer Zeit", so Studienkreis-Vorstand Armin Vielhaber, "in der es vermehrt darauf an kommt, durch Begegnungen zwischen Urlaubern und Gastgebern unterschiedlicher Kulturen und Religionen das gegenseitige Verständnis zu fördern." "Hilfreich für die Einschätzung der Projekte waren auch die eingeholten Informationen über Gewinnerwirtschaftung und Eigenkapitalbildung", betonte Studienkreis-Geschäftsführerin Dietlind von Laßberg. Das beste Partizipationsprojekt nütze wenig, wenn es nicht auch wirtschaftlich nachhaltig angelegt sei.
"Mit dem TO DO!-Wettbewerb stellt der Studienkreis den Tourismus dort hin, wo er hin gehört: auf die politische Ebene. Immerhin sind die positiven oder negativen Wirkungen des Tourismus in jedem Bereich einer Lebensgemeinschaft spürbar", betonte der TO DO!-Laudator und langjährige ARD-Korrespondent Samuel Schirmbeck.

Sichtbar wird dies am Beispiel des Tourismus- und Sozialprojekts SOCIETÉ RENARD BLEU TOUAREG. Bei diesem TO DO!-Preisträger handelt es sich um eine touristisch orientierte Organisation, durch die ambitionierte Kultur- und Sozialprojekte, Familienpatenschaften und Bildungsmaßnahmen finanziert werden. SOCIETÉ RENARD BLEU TOUAREG wurde von Wüstennomaden in der südmarokkanischen Sahara gegründet und ist in deren Besitz. Federführend aktiv - innerhalb der nomadischen Föderation der "Âaribe" - ist der Touareg-Stamm der "Nouaji". Initiatoren der gesamten Maßnahmen sind die beiden partnerschaftlich zusammenarbeitenden Dachvereine Association Azalay Marokko und Azalay e.V. Deutschland, die die Gründung von SOCIETÉ RENARD BLEU TOUAREG möglich gemacht haben. Ziel des Projektes ist es, die in ihrer nomadischen Existenz gefährdeten Touareg zu stärken und zu unterstützen, weil politische (Westsahara-Konflikt, Grenzschließung durch Algerien), ökologische (Wassermangel, zunehmende Verwüstung) und klimatische Faktoren (Trockenheit, Futtermangel, Verlust der Herden) die Lebenssituation der Nouaji in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verschlechtert haben.
Binnen drei Jahren - seit der Gründung von SOCIETÉ RENARD BLEU TOUAREG - ist so ein ganzer Fächer von Aktivitäten entstanden, die sich über zwei Haupttätigkeitsfelder verteilen:
Angeboten werden im Rahmen der touristischen Aktivitäten ein- bis zweiwöchige Wüstenwanderungen oder Camp-Aufenthalte. Die Programme werden ausschließlich unter der Führung von Stammesmitgliedern der Nouaji durchgeführt; in ihrem angestammten Gebiet, in traditioneller Weise. Die jeweilige Urlaubergruppe bildet sozusagen eine kleine Karawane, die mit Dromedaren (Traglasten) unterwegs ist. Übernachtet wird in Schlafsäcken unter freiem (Sternen-)Himmel oder in Nomadenzelten. Praktiziert wird dabei ein Tourismus, der sich ganz dem Biotop Wüste anpasst, der den Gästen einen authentischen Einblick in die Kultur und Lebensweise der Nouaji gewährt und eine nicht nur dem Wort nach praktizierte Völkerverständigung möglich macht. Eine so konzipierte Karawane bringt für die nomadischen Begleiter in mehrfacher Weise Vorteile.

  • Sie können weiterhin eine Tätigkeit ausüben, die sie kennen und schätzen. Doch statt Salz zu transportieren führen sie nun - unter Aufbietung von gelebter Gastfreundschaft und Fürsorge - Menschen durch die Wüste.
  • Sie erzielen einen für ihre Verhältnisse überdurchschnittlich guten Verdienst (das Doppelte des ortsüblichen).
  • Auf jeder dieser Touren kommt man früher oder später an ihren jeweiligen Sozialprojekten vorbei. Diese sind möglich geworden, weil mindestens acht Prozent des zu entrichtenden Reisepreises für solche Zwecke abgeführt werden. Außerdem gibt es Spenden. Ferner ist es gelungen, deutsche Fördermittel aus der Entwicklungszusammenarbeit zu erhalten.

Im Bereich der sozialen Aktivitäten hat man sich bei SOCIETÉ RENARD BLEU TOUAREG im Wesentlichen konzentriert auf:

  • den Bau von fünf in der Wüste verteilten Brunnenanlagen (überlebensnotwendige Stützpunkte für Menschen und Tiere),
  • den Import medizinischer Hilfsgüter (z. B. gebrauchte Rollstühle, Hörgeräte etc.),
  • den Initiativen zur Behandlung von Augenkrankheiten (chronische Bindehautentzündungen, Grauer Star),
  • der Auflage eines Familienpatenschaftsprogramms, das zwangsabgewanderten Nomadenfamilien (wg. Trockenheit und Futtermangel) den Übergang in die städtische Sesshaftigkeit erleichtern soll.
  • Und schließlich als größtes Projekt, das vom Deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) mit gefördert wurde: den inzwischen abgeschlossenen Bau einer Nomadenschule mit integrierter Ambulanz - mitten im Wüstengebiet von Chegaga; dem strategisch besten Platz für den Stamm und die Konföderation der Âaribe, weil alle Familien (mit ihren Kindern) früher oder später dort vorbeikommen.

Durch die Gründung von SOCIETÉ RENARD BLEU TOUAREG haben die nomadischen Stämme das Heft des Handelns selbst in die Hand genommen und sehen über die von ihnen angebotenen touristischen Leistungen endlich eine Chance, ihre am Gemeinsinn orientierten Werte zu bewahren. Es ist aus Sicht des Gutachters die denkbar beste Vorgehensweise, den Öffnungs- und Entwicklungsprozessen nicht länger ausgeliefert zu sein, sondern sie selbst mit zu gestalten.

Den Entwicklungsprozess passiv zu erleben war die jahrelange Erfahrung der Bevölkerung im heutigen DANA NATURE RESERVE (DNR). Bis die Beteiligten, teils auf Grund internationaler Einflussfaktoren, teils auf Grund eigener Initiativen, die ursprünglichen Defizite ("learning from our mistakes") korrigiert und in eine partizipatorische Richtung gewendet haben.

Beim TO DO!-Preisträger DANA NATURE RESERVE (308 Quadratkilometer) handelt es sich um eine Maßnahme zur Schaffung eines Regionalmodells, das zum Naturschutz und zur sozio-ökonomischen Entwicklung beitragen soll - bei gleichzeitiger Erhaltung der bestehenden Kultur in den einbezogenen Dörfern. Motto: "Helping Nature - Helping People". Das DANA NATURE RESERVE wurde von der jordanischen Royal Society for the Conservation of Nature (RSCN) im Auftrag der jordanischen Regierung eingerichtet und liegt an der Verbindungsstrecke zwischen Amman und Petra.
Im Naturreservat selbst sind, neben 25 seltenen bzw. bedrohten Tierarten, annähernd 100 archäologische Stätten zu finden. In der das Naturreservat umgebenden Pufferzone wie auch in dessen Kernzone leben 14 Beduinenstämme, die seit Jahrhunderten das Gebiet für ihren Lebensunterhalt genutzt haben (Viehzucht, Jagd, Feuerholz). Insgesamt etwa 15.000 Menschen. Doch zu Beginn des Projektes (1994) wurde zunächst noch über die Köpfe der Betroffenen hinweg entschieden. Man praktizierte einen "verordneten" Naturschutz (top down) ohne Beteiligung und ohne Kompensation für die betroffene Bevölkerung. Entsprechender Widerstand war die Folge.

Da Jordanien jedoch ein Unterzeichner der internationalen Biodiversitäts-Konvention ist (in Folge des Rio-Prozesses von 1992), wendete sich das Blatt. Die Kriterien für die Vergabe von Zuschüssen (hier: 1,13 Mio. US-Dollar aus einem Entwicklungsprogramm der Weltbank/Vereinten Nationen für die Finanzierung von Personal, Ausbildungsmaßnahmen und Infrastruktur des DANA NATURE RESERVE) schreiben nämlich zwingend vor, dass die Interessen der betroffenen Bevölkerung berücksichtigt werden müssen. Durch Konsultationen und Kompensationsprogramme wurde deshalb die örtliche Bevölkerung schrittweise mit einbezogen. Dadurch erst entstand so allmählich auch ein partizipatives Projekt - das entscheidende "Muss"-Kriterium für einen TO DO!-Preisträger.

Ab Ende 1999 waren die durch den Tourismus möglich gewordenen Einkünfte im DANA NATURE RESERVE erstmals kostendeckend und sind es seither geblieben. Die Eintrittsgebühren von jährlich etwa 200.000 Euro decken größtenteils die Ausgaben für das Parkmanagement. Die rund 35.000 Besucher pro Jahr kommen jeweils zur Hälfte aus Jordanien oder aus dem Ausland. Drei Faktoren förderten nun maßgeblich die Entwicklung zur Emanzipation der Mitarbeiter und zur Teilhabe der Bevölkerung an Planung und Realisierung von Maßnahmen:

  1. das gestärkte Selbstbewusstsein der Mitarbeiter resultierend aus der Tatsache, wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen,
  2. das von der RSCN-Zentrale vermittelte Training in partizipativen Entwicklungsmethoden und
  3. die große Motivation des 2000/2001 neu eingestellten Personals, das die partizipativen Entwicklungsmethoden im Umgang mit Mitarbeitern und Bevölkerung anwendet.
Wer heute das Naturreservat im Wadi Dana besucht und auf einem der neun Wanderwege durch das geschützte Gebiet unterwegs ist oder in Camps und in Gästehäusern übernachtet, ist von einer ganzen Palette von partizipativen Maßnahmen umgeben, die der Bevölkerung nutzen und dem Naturschutz helfen. So zum Beispiel durch:
  • die Gründung einer Reihe von Werkstätten (zur Entwicklung alternativen Einkommens), in denen Schmuck oder Leder hergestellt, Seife produziert oder Früchte verarbeitet werden. Deren Erzeugnisse werden heute sowohl über die touristische Schiene wie auch über innerjordanische Märkte abgesetzt;
  • die Beteiligung an den durch den Tourismus erzielten Einnahmen (Eintrittsgelder, Übernachtungserlöse);
  • eine zunehmende Ein- und Anstellung von lokalem Personal (mittlerweile sind alle 63 im DNR Angestellten aus dem Wadi Dana-Gebiet, 29 in den o.g. Werkstätten, 34 im Parkmanagement und im Tourismussektor;
  • die Förderung der genossenschaftlich organisierten Dana Ecotourism Cooperative (DEC), in der rund 80 Familien Mitglied sind und die bereits ein 26 Betten-Hotel betreibt;
  • die Unterstützung von Organisationen in den umliegenden Dörfern durch einen so genannten "Community Liaison Officer". Dieser hilft bei der Identifizierung von Entwicklungsaktivitäten sowie bei der Erschließung von Finanzmitteln und der Umsetzung der Maßnahmen.
Das Projekt hat die Jury nach der gutachterlichen Überprüfung überzeugt. In deren Verlauf ist deutlich geworden, dass sich die Verantwortlichen einerseits zu den Prinzipien der Kommunikation, Transparenz und Partizipation bekennen und andererseits fähig waren, spürbar gewordene Defizite selbst korrigieren zu können. Das Motto "Helping Nature - Helping People" ist so zum herausragenden Beispiel geworden.

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Im Zentrum der Wettbewerbskriterien des TO DO! für einen sozialverantwortlichen Tourismus stehen u.a. die Berücksichtigung unterschiedlicher Interessen der ortsansässigen Bevölkerung bei Planung und Durchführung von Tourismusprojekten. Sie soll durch aktive Partizipation der Einheimischen erfolgen. Dabei müssen für alle Beteiligten die Chancen und Risiken solcher Vorhaben transparent werden, ebenso das Ausmaß und die Streuung des wirtschaftlichen Nutzens. Zu den Kriterien des Wettbewerbs zählen ferner: die Gewährleistung der Attraktivität touristischer Arbeitsplätze sowie Vorsorgemaßnahmen zur Erhaltung und Stärkung der einheimischen Kultur.

SOCIETÉ RENARD BLEU TOUAREG Adresse in Marokko:

SOCIETÉ RENARD BLEU TOUAREG
Av. Mohamed V, Zagora, Maroc
Tel.: 00212-61348413
Fax: 00212-44846251
E-Mail: renardbleutouareg@yahoo.fr
Website: www.renard-bleu-touareg.org

... in Deutschland:

Azalay -Brücke von Mensch zu Mensch -
Hilfe zur Erhaltung der nomadischen Lebensform e.V.
Huteweg 2, D-35085 Ebsdorfergrund
Tel. 06424-964409
Fax: 06424-964408
E-Mail: azalay@firemail.de


DANA NATURE RESERVE Adresse:

DANA NATURE RESERVE c/o
Royal Society for the Conservation of Nature, P.O. Box 1215
Amman 11941, Jordanien
Tel. 00962-6-5337931
Fax: 00962-6-53474411
E-Mail: Dana@rscn.org.jo
Website: www.rscn.org.jo

Der TO DO!-Wettbewerb wird veranstaltet vom:

Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V.

in Zusammenarbeit mit:

Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ecumenical Coalition on Tourism
Europäische Reiseversicherung AG
Evangelischer Entwicklungsdienst e.V. (EED) - Tourism Watch
Katholisches Auslandssekretariat der Deutschen Bischofskonferenz
Messe Berlin GmbH
Österreichische Entwicklungszusammenarbeit im Außenministerium/respect

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Zu den diesjährigen Unterstützern des "TO DO!" zählen ferner:

Royal Air Maroc
Marokkanisches Fremdenverkehrsamt

Royal Jordanian
Informationsbüro Jordanien/ Jordan Tourist Board

Der TO DO!-Wettbewerb wird ab Mai 2003 erneut ausgeschrieben und wiederum von staatlicher und kirchlicher Seite sowie von Unternehmen aus dem Tourismusbereich unterstützt.

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Verantwortlich für den Text: Klaus Betz