Presse-Information
 
Tamina Kallert

Laudatio, TOURA D'OR PREISVERLEIHUNG

(Es gilt das gesprochene Wort)

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Preisträgerinnen,

die drei Filme, die heute ausgezeichnet werden sind ausgezeichnet - und sie sind alle ganz verschieden. Es fällt mir also leicht über alle Filme etwas Positives zu sagen: Sei es als Fernsehjournalistin, sei es als Berufsreisende, das heißt als Mensch, der schon von schönen Zielen an den Küsten oder auf den Bergen aller fünf Erdteile berichten durfte.

Der Toura D'or Preis ist bekanntlich ausgeschrieben worden vom Studienkreis für Tourismus und Entwicklung. Uns beschäftigt die Frage, wie Tourismus und Entwicklung sinnvoll in Einklang zu bringen sind, und wenn ich versuche, mir ein Bild von einem anderen Land zu machen, als Journalistin hinter die Kulissen zu schauen und als Moderatorin ausgewogen zu berichten, dann steht auch für mich diese Frage im Vordergrund.

Viele touristische Organisationen legen uns heute den Konsum von Urlaub als alleinigen Zweck des Reisens nahe. Reisen dient damit immer weniger der Wahrnehmung von Wirklichkeit und verliert so auch seine Völker verbindende Kraft. In diesem Zusammenhang fragen wir uns natürlich, ob wir überhaupt noch so vorbehaltlos Reisen können, wie vielleicht noch vor Jahrzehnten.

Ich selbst gehöre zu einer Generation, deren Eltern noch spontan ihren VW Bus bepackt haben, um neugierig und individuell fremde Länder zu entdecken. Eine Art des Reisens, die lebendigen Austausch und gegenseitiges Kennenlernen sicherlich erleichtert, bei der man allerdings auch Unwägbarkeiten und Überraschungen in Kauf nimmt. Diese Bereitschaft, sich auf Neues wirklich einzulassen, scheint nachzulassen. Der Trend geht hin zur Pauschalreise, bei der man sich selbst um nichts mehr kümmern muss, aber bei der man eben oft auch nicht mehr viel Landestypisches erlebt. Vielleicht kennen Sie das ja: Wenn zuhause schlechtes Wetter wochenlang nervt, oder der Resturlaub zu verfallen droht, ist man doch geneigt, einfach pauschal zu buchen - Hauptsache weg und das auch möglichst billig.

Weit verbreitet sind ja diese standardisierten Anlagen und Resorts, ähnlich strukturiert, ob Karibik, Australien oder Afrika - fast austauschbar. Ganz nach dem Motto: Füße hoch, bloß kein Stress, Hauptsache Sonne und wenn's geht auch Meer. Vor drei Wochen zum Beispiel war ich zu Dreharbeiten in Ägypten. Dort hat ein reicher Unternehmer eine künstliche Stadt regelrecht aus der Wüste gestampft - El Gauna. Die Gebäude im internationalen Stilmix, mit Blick aufs Meer oder die Lagunen, Geschäfte, Restaurants, etc., alles, was das Urlauberherz angeblich begehrt. Erst als völlig unvermittelt ein dressiertes Kamel an mir vorbei zog, wurde mir klar, dass ich wohl doch in Afrika bin - obwohl dieses heimische Wüstenschiff hier reichlich verloren wirkte. Auf meine kritische Frage, was dieser Ort denn noch mit Ägypten zu tun habe, die selbstbewusste Antwort des Gründers: Gar nichts, aber darum ginge es hier doch auch nichtů

Wenn der Studienkreis die Begriffe Tourismus und Entwicklung zusammen spannt, dann muss es uns gerade um die bereisten Länder selbst gehen, und damit ganz zentral um die Menschen vor Ort, ihre Kultur, ihre Bedürfnisse und ihre Besonderheiten.

Es ist bereichernd, sich auf eine andere Kultur einzulassen, es lohnt sich, den Menschen vor Ort zu begegnen, es ist möglich, jeweils vom anderen zu lernen und zu profitieren - Entwicklungschancen gibt es also durchaus für beide Seiten - und der Blick hinter die Kulissen lässt einen das Leben vor Ort und die tieferen Zusammenhänge oft erst richtig verstehen. All das vermitteln die heute prämierten Filme.

Der Film "Mit den Touareg durch Marokko" führt nach einer einordnenden Moderation schon zu beginn ganz nah an die Gastgeber heran. Die Kamera geht jeweils groß auf die einzelnen Touareg, sie werden mit Namen und Funktion für die Gruppe vorgestellt, und man hat so auch als Zuschauer gleich das Gefühl, willkommen zu sein in dieser zunächst fremden Welt.

Die Reiseleiterin, die die Gruppe begleitet, fungiert als Brücke. Sie vermittelt zwischen den Touristen und den Gastgebern, den beiden Kulturen, und erläutert auch die Sitten und die Denkweise der Wüstennomaden.

Auf meinen zahlreichen Reisen habe ich in diesem Zusammenhang immer wieder die Erfahrung gemacht: Man sieht nur was man weiß - das heißt um ein Land und seine Bewohner zu verstehen, um die relevanten Details erkennen zu können, muss man sich interessieren, sich schon im Vorfeld informieren oder sich eben, wie in diesem Film über die Touareg, vor Ort von einer kompetenten Reiseleitung einführen lassen - einfach mit den Menschen sprechen! Sonst zieht viel Interessantes, Schönes oder Bemerkenswertes schlicht an einem vorbei.

Unterwegs mit den Touareg passiert uns das nicht. Zusammen mit der Reisegruppe lernen wir, wie man die Kopfbedeckung zum Schutz vor Wind und Sonne bindet, wir erleben die Natur so unmittelbar wie das in unseren Breiten kaum möglich ist, wir erfahren etwas über Solidarität und Gruppenidentität der Touareg, und, was dieses Projekt besonders auszeichnet, wir besuchen ein Schul- und Krankenhausgebäude mitten in der Wüste, zu dessen Bau die Reisenden mit ihrem Geld beigetragen haben. Solch eine Reise ist tatsächlich gewinnbringend für alle Beteiligten, und macht Lust, ein Land wie Marokko auch unabhängig von genormter Urlaubsidylle zu entdecken.

In dem prämierten Film "Strom für die Sherpas" kommen Touristen eigentlich nicht vor. Es geht um ein nepalesisches Volk, dessen Leben sich durch die Modernisierung stark verändert. Der Tourismus, das Geld aus dem Tourismus, ist allerdings die Voraussetzung für diesen Wandel.
Der Berg der Berge im Himalaya, zeitlos und Legenden umwittert, die fortschreitende Modernisierung an seinem Fuße, und mittendrin bzw. zwischen den Welten die Sherpas - das sind Kontraste die diese Dokumentation gleich zu Beginn gelungen thematisiert. Man sieht imposante Berggipfel, vom Leben gezeichnete Gesichter, Stadtgewimmel - und hier lernen wir einen Sherpa kennen, der in der Stadt in einem Entwicklungsbüro sein Geld verdient. Mit ihm und seiner Familie erleben wir Kumbu, das Land der Sherpas, und der Film führt uns gelungen die weit reichenden Veränderungen vor Augen, die in den letzten Jahren am Fuße des Mount Everest geschehen sindů

Mich persönlich hat besonders die Ehrlichkeit und Reflektiertheit der O - Töne, also der Selbstaussagen der Sherpas, beeindruckt. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es nicht immer leicht ist, Menschen vor der Kamera zu ungezwungenen Aussagen zu motivieren. Oft führt man zunächst ein viel versprechendes Vorgespräch, das Gegenüber ist locker und redselig, und kaum läuft die Kamera, passiert das klassische Kaninchen-Schlange-Phänomen: Dem Gesprächspartner verschlägt es sprichwörtlich die Sprache. Das liegt nicht nur an der Aufregung angesichts des fremden Mediums, sondern häufig fehlt auch der Mut, die Dinge vor laufender Kamera ehrlich beim Namen zu nennen.

Der Autorin des Films "Strom für die Sherpas" gelingt es ganz offensichtlich, den Protagonisten so zu begegnen, dass diese die Kamera komplett vergessen. Durch ihre Aussagen erfährt der Zuschauer zum Beispiel, dass der Tourismus auch seine Kehrseiten hat. Wir sehen etwa einen der Sherpas, der melancholisch und fast geschichtsphilosophisch die Zwiespältigkeit des Fortschritts beschreibt: Die Sherpas in seinem Dorf bauen Häuser, wie sie sie sich noch niemals hatten leisten können. Sogar mit Kühlschränken. Das verdanken sie dem Tourismus. Dafür brechen sie aber den wertvollen Naturstein und zerstören die Landschaft. "Wir werden vielleicht einmal sehr reich sein, aber arm im Geist", sinniert der Nepalese vor laufender Kamera, "und dann werden wir zu den ärmsten Völkern überhaupt gehören."

Und noch ein weiterer O-Ton, wie wir Filmleute das nennen, hat mich beeindruckt, weil er beispielhaft die oft falsche Einstellung der westlichen Wohlstandsländer gegenüber den bereisten Regionen veranschaulicht: Zwei Sherpas beschweren sich darüber, wie einseitig sie auf der ganzen Welt wahrgenommen werden, und der eine berichtet, er habe extra im Oxford-Dictionary nachgeschlagen, und dort sei das Wort Sherpa einfach nur mit "Hochlandträger" übersetzt. Davon, dass es sich schließlich um ein eigenes nepalesisches Volk handelt, erfahre der Leser nichts.

Man muss sich das einmal klar machen: Vor 50 Jahren half der Sherpa Tensing Norgai dem Entdecker und Forscher Sir Hillary auf den höchsten Berg der Welt zu steigen, und vermutlich trug er ihm sogar die Kamera, mit der er den stolzen Bezwinger dann oben fotografieren durfte. Und nun wird plötzlich das ganze Volk dieses einheimischen Bergführers nur noch über seine Funktion quasi als "Touristenlastenesel" definiert. Und den Berg, der den schönen Namen trägt "Tschomo Lung Ma" - Göttin Mutter der Berge, den nennt heute die ganze Welt schlicht Mount Everest.

"Strom für die Sherpas" zeigt die Schönheit der Berge, das Leben der Menschen, und auch den Fortschritt durch den Tourismus, aber es ist kein Film, der unbedingt einlädt, nach Nepal zu kommen - es ist ein Film der einfach zeigt wie es da ist.

Ich denke es gehört Mut dazu, im Bereich des Reisejournalismus Realitäten zu zeigen, gerade wenn sie widersprüchlich oder unbequem sind. Und ich halte es für wichtig, sich nicht von eventuellem Quotendruck verbiegen zu lassen, der ja eher das Gefällige, oder im Zweifel auch die inszenierte Wirklichkeit, propagiert. Allerdings ist diese Praxis gerade im kommerziellen Medienbereich weit verbreitet, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Ehrlich gesagt sind mir teilweise regelrecht die Superlative ausgegangen: Traumstrand, idyllischer Strand, paradiesischer Strand, einmaliger Strandů
Das hat dann - ganz bewusst natürlich - mit kritischem Journalismus nicht mehr all zu viel zu tun; es geht primär um Unterhaltung.

Dem Film "Strom für die Sherpas" geht es dagegen um kritisch-konstruktive Auseinandersetzung. Durch die ehrliche Dokumentation der Realität trägt er zu einem besseren Verständnis des Landes und seiner Bewohner bei. Und um dieses Verständnis sollten wir uns immer wieder bemühen.

" Reichlich Wasser vor der Hütte", der Film über die Malediven, hat mich fast ein bisschen neidisch gemacht:
Was für Kamerafahrten, was für Inselblicke, mit wie viel Zeit und Liebe fürs Detail ist hier gedreht und gearbeitet worden! Und ich finde diese Werbeästhetik passt auch zum Thema. Das Thema ist der Traumurlaub, bzw. mit welch unglaublichem Aufwand an Menschen und Material dieser Traum inszeniert wird. Auf einem Inselchen, auf dem es von Natur aus kaum Trinkwasser gibt, werden täglich 180 tausend Liter Wasser erzeugt und verbraucht; auf einem Inselchen, auf dem es nur trockene Sträucher und Palmen gibt, werden Orchideen samt Blumenerde eingeflogen und dekorativ platziert. Selbst die Meeresfrüchte, die die Touristen essen - selbstverständlich begleitet von chilenischem oder französischem Wein - stammen nicht aus dem Hausriff, sondern kommen per Luftfracht.

Auch wenn der Film sich inhaltlich primär mit den Menschen hinter dieser inszenierten Kulisse beschäftigt, wird das Geschehen wenig wertend kommentiert. Der Kontrast zwischen dem Leben der Malediver selbst und dem der eingeflogenen Gäste vermittelt sich vor allem durch die Bilder.

Mein Leben als "Weltreisende" hat schon früh begonnen, meine Reise auf die Malediven ist schon zehn Jahre her, aber gerade diesen Kontrast habe ich dort selbst ganz stark erlebt: Es war den Gästen nicht erlaubt, sich selbständig durch die Inselwelt zu bewegen, und auf eigene Faust die Atolle der Einheimischen zu besuchen. Genauso war es dem Personal der Hotelinseln streng verboten, sich mit uns Gästen anzufreunden. Meine Freundin hat sich damals dennoch unsterblich in einen Malediver verliebt, der auf Giravaru als Ingenieur angestellt war. Heimlich haben sich die beiden nachts am Strand getroffen - allerliebst - ein absolutes Vergehen aber gegen die Inselvorschriften. Und so hat es nicht lange gedauert, bis diese Liaison aufflog, der verliebte Malediver wurde gekündigt und musste postwendend die Insel verlassen. - Nur zu Ihrer Beruhigung: Die beiden haben trotz aller Widrigkeiten noch lange Jahre miteinander verbracht... Heute dürfen sich die ausländischen Gäste auf den Malediven immerhin frei bewegen, aber die Geschichte zeigt, dass die Völkerverständigung in den Urlaubsregionen durchaus ihre Tücken hat.

In dem Film "Reichlich Wasser vor der Hütte" kann der Zuschauer aus den dargestellten Welten seine eigenen Schlüsse ziehen, und ich persönlich wurde wieder einmal auf ein mir sehr bekanntes Dilemma gestoßen: Wie auf den Malediven leben die Menschen heute in vielen Regionen der Erde vor allem vom Tourismus. Aber wie auf den Malediven hat der Tourismus oft auch keinen Bezug mehr zur jeweiligen Destination, es gibt keinen wirklichen Austausch, kein echtes Kennen Lernen, wenig Verständnis.

Die drei vorgestellten Filme beschreiben auf eine außergewöhnliche Art und Weise die Bandbreite und auch das Spannungsfeld von nachhaltigem und verantwortlichem Tourismus: Positive Effekte des Fremdenverkehrs am Himalaya, nachvollziehbare Erlebnisse in der Sahara und der kritische Einblick in die Arbeitswelt von Hotelpersonal belegen, was ist, und was filmisch machbar ist. Die prämierten Beiträge fordern zum bewussteren und aufmerksamen Reisen auf - denn das ist die Voraussetzung für einen zukunftsfähigen Tourismus.