Presse-Information
 
Laudatio von Ulla Ackermann
anlässlich der Preisverleihungsveranstaltung des TOURA D'OR 2002 am 8. März 2003 auf der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) in Berlin

(Es gilt das gesprochene Wort)

Sehr geehrte Preisträger und sehr geehrte Jury, meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

als der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung mich vor einigen Wochen fragte, ob ich die Laudatio zur Preisverleihung des TOURA D`OR 2002 halten könne, war ich zunächst verblüfft. Denn nachdem sich diese Veranstaltung bereits zum achten Mal jährt, waren es stets prominente, namhafte Laudatoren, die das getan haben, was ich, nach einer Schrecksekunde - der Ehre wegen -, dann aber gerne zugesagt habe.

Es gab dafür zwei Gründe. Der erste und wichtigste ist allen kritischen Reisejournalisten ein Bedürfnis: Hinzuweisen auf die touristische Schieflage in einer Reihe von Reiseländern und der damit einhergehenden manchmal auch schamlosen Ausbeutung ihrer Ressourcen.
Häufig genug zählen diese Destinationen zu den Entwicklungsländern. Sie stehen entweder am Anfang einer wirtschaftlichen Entwicklung oder sie haben sich mit Infrastrukturen abzufinden, die in Jahren der unkontrollierten Ausnutzung - wie in Afrika oft, durch eine diktatorische Regierung - vernachlässigt oder gar bewusst zugrunde gerichtet wurden.
Deshalb ist es wichtig, dass die TOURA D`OR -Kriterien ausdrücklich nach Filmbeiträgen fragen, die sich kritisch-konstruktiv mit negativen Aspekten und Wirkungen von Tourismus auseinander setzen oder durch positive Beispiele zeigen, wie ein sozialverantwortlicher, umweltverträglicherer und damit auch zukunftsfähiger Tourismus gestaltet sein könnte.

Auf den Anspruch eines funktionierenden Tourismus bezogen, ist in den Entwicklungsländern meist das Wasser das Problem oder die marode Stromversorgung - die Liste der Beeinträchtigungen des ganz alltäglichen Lebens ist lang, doch für manche Urlauber ist das offenbar nicht zu verstehen. Im Gegenteil, sie reagieren häufig mit einem unverantwortlichen Verlangen und bestehen auf allem Komfort und allen Annehmlichkeiten. Natürlich all inclusive und bitte ganz billig! Egal welchen Aufwand die Gastgeber dafür leisten müssen.

Wie anders lässt es sich ansonsten darstellen - nachvollziehen kann man das nicht -, dass sich, trotz aller Bitten und Hinweise, Urlauber beispielsweise in den Popa Falls im Norden Namibias noch immer duschen, ausgiebig mit Seife und Shampoo - weil´s ja so heiß ist, man vom Staub der Umgebung ganz schmutzig wird und partout nicht mehr warten kann, bis man am Abend in die Lodge zurückkommt. Hundert Meter Fluss abwärts aber müssen die Einheimischen ihr Trinkwasser holen - es gibt keine andere Stelle -, und dann werden die Rinder des Himba-Stammes zur Tränke geführt.

Wie anders als mit Maßlosigkeit und fehlendem Feingefühl für die Umgebung lässt es sich erklären, dass in mehreren Discos Kenias und Tanzanias die Besucher so genannte Petitionen unterschreiben, die fordern, dass die Lokalitäten bis ultimo geöffnet bleiben - egal ob deshalb - um den Stromverbrauch eines einzigen solchen Etablissements garantieren zu können -, egal ob deshalb den umliegenden Dörfern die Versorgung für 20 Stunden gesperrt werden muss.

Zu diesen Beispielen passen auch die Aussagen von Touristen in dem diesjährig ausgezeichneten Film "Disney-Land bei den Inka? Weltkulturerbe Machu Picchu in Gefahr" Da werden in die Kulisse der scheinbar unberührten, grandiosen Landschaften Machu Picchus von den Planungsverantwortlichen drohende Szenarien einer Seilbahn, von Rolltreppen und Liften impliziert: Von Cusco über die Berge zu der Inka Kultstätte, dort in den Ruinen hinauf und hinunter und dann, ohne das Dorf Aguas Calientes am Fuße des ehemaligen Tempelgeländes noch zu berühren, wieder weg von dort. "Doch," loben nicht wenige Besucher diese Idee, "wie schön muss es sein, über diese Landschaft zu schweben!" Nicht bedenkend, dass Stahlmasten und gigantische Kabelstränge diese "Modernisierung" erst ermöglichen würden. Eine Modernisierung, die auch die Stadt Cusco schon zu einer boomenden Tourismusenklave umfunktioniert hat. "Was bleibt da noch von der Magie unserer Kultstätten erhalten?", fragt Pablo, ein junger Bergführer, der allerdings auch nicht leugnet, dass er dem Tourismus den Vorrang zu anderen Verdienstmöglichkeiten gibt. "Aber kommen noch Besucher, wenn die Landschaft zerstört ist? Und wovon sollen die Bewohner von Aguas Calientes leben, wenn dort kein Tourist mehr hinkommt?"
Entwicklung einer touristischen Infrastruktur kontra Bewahrung traditioneller Werte? Ist dieser Konflikt einfach unlösbar?

Nein, gar nicht, sagen die Macher des anderen Informations- und Dokumentationsfilmes mit dem Titel "Your place or mine?" und fügen hinzu, dass man nur früh genug anfangen muss, Reisende das Reisen zu lehren. Die Art dieses Filmes, der Themen wie Umgangsformen, Ökologie, Begegnungen oder Essen und Trinken in peppigen Collagen darstellt, ist besonders auf Jugendliche zugeschnitten. Die schnellen, schnittigen, oft komischen Passagen sind ohne große Erklärung offensichtlich und während der Zuschauer noch über die Fettnäpfchen-verliebtheit der Darstellers schmunzelt, wird er schon gewiss sein, dass diese und jene Fehler nie zu seinem Repertoire gehören werden. Und das nicht allein, weil´s peinlich wäre, sondern weil einfache Verhaltensmaßregeln Zugang zu der bis dato unbekannten Kultur eröffnen: So werden die "do´s and don´ts" durch ein unmissverständliches "be fair" untermauert und es entsteht eine Checkliste für rücksichtsvolles und angemessenes Verhalten.

Dass allerdings der Weg dorthin nicht immer leicht begehbar ist, selbst wenn das Thema der Reise eindeutig die Annäherung an das Verständnis für eine andere Kultur ist, wird in dem Film "People live there" deutlich. Begegnungen in den Usambara Mountains Tanzanias ist der Untertitel, und seine Auszeichnung, so wie die des vierten Beitrages, der in Gambia gedreht wurde, sind der zweite Grund dafür, dass ich diese Laudatio mit großem Vergnügen halte. Ich habe über viele Jahre hinweg selber Filme in Afrika gemacht: News aus Kriegsgebieten allerdings, habe also jene Seiten gezeigt, die ein Tourist hoffentlich nie zu sehen bekommt. "Komm," sagt in Ninki Nanka, dem gambischen Film, der Protagonist, "ich zeige euch die andere Seite Afrikas, jene, die nichts mit Hungerbäuchen und Kriegen zu tun hat." Dieser Satz und das konsequente Selbstbewusstsein der Einheimischen in den beiden Beiträgen waren das Signal für mich.

People live there wurde von Touristen ohne großen technischen Aufwand gedreht, und es ist leicht, aus den Situationen mit den Einheimischen heraus, die Hoffnung nachzuvollziehen, von der das eigen initiierte Gemeinschaftsprojekt des Dorfes geprägt ist: Touristen kommen hierher, um unseren Alltag, unser Leben kennenzulernen, wir zeigen ihnen, wie wir kochen, wir musizieren zusammen, tanzen, wandern - wir zeigen ihnen uns. Dass diese Touristen aber nicht alles mitmachen möchten, dass sie jene Route trekken wollen, die im Angebot angegeben wurde und dass sie mit den ständig wechselnden Plänen ihre Probleme haben, ist für die Einheimischen zunächst verblüffend, führt am Ende aber zu der Erkenntnis, dass "andere Leute verschiedener Nationalitäten andere Auffassungen haben, und das muss man wohl respektieren." Da haben eben alle voneinander gelernt.

Ich komme jetzt zum Ende meiner Laudatio, allerdings nicht ohne den letzten Beitrag, meinen Lieblingsfilm, wenn ich das sagen darf, ausdrücklich zu erwähnen. Er wird beim diesjährigen TOURA D´OR aus der Kategorie "Sonstige" mit einer lobenden Erwähnung bedacht: "Abenteuer Ninki Nanka - Samba Lives in Africa". Da macht sich der neunjährige Samba auf die Suche nach dem Fabelwesen Ninki Nanka, und während er mit seinen Eltern dazu die Länder Gambia und Senegal bereist, bekommt er immer wieder von dem sagenhaften Drachen erzählt: Von einem Medizinmann, einem Lehrer, einem Fischer, einer alten Frau, einem Reiseleiter, einem Schmied, einem anderen kleinen Jungen. So wird die Fährtensuche zu einer Kette von Begegnungen, die Eindrücke von Alltag und Tradition vermitteln - auf unnachahmlich eindrückliche Weise.

Der bemerkenswerteste Aspekt aller beim TOURA D´OR 2002 ausgezeichneten Filme ist ihre Unbestechlichkeit. Sie sind Spiegelbilder von ganz alltäglichen Situationen - im Umgang mit dem Tourismus. Sie vermitteln Einblicke, sie regen zum Nachdenken an und ihre Sujets eindeutig zum Nachahmen. Womit alle Kriterien der TOURA D´OR Maßgaben erfüllt sind, so dass ich den Machern zu ihren Filmen und der Jury zu ihrer Auswahl nur aufrichtig gratulieren kann.