Presse-Information
 
Frau Dr. Uschi Eid
Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)

Laudatio, TO DO! - Preisverleihung auf der ITB

(Es gilt das gesprochene Wort)

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Vielhaber,
liebe TO DO!-Preisträger,

Herzlichen Dank für die Einladung und auch für die Ehre, die Laudatio auf die heutigen Preisträger zu halten. Leider kann die Bundesministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul aus terminlichen Gründen heute nicht da sein. Aber ich darf Ihnen, liebe Gäste, ihre herzlichsten Grüße und Glückwünsche übermitteln.

Glückwünsche nicht nur für die Preisträger, sondern auch an den Veranstalter des Wettbewerbs, den "Studienkreis für Tourismus und Entwicklung". Denn wir können heute auch das zehnjährige Jubiläum des TO DO!-Wettbewerbes feiern.

Der Studienkreis setzt sich seit vielen Jahren für einen sozialverantwortlichen, selbstbestimmten Tourismus in Entwicklungsländern ein, der das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung verbindet mit interkultureller Begegnung und mit den Interessen der ortsansässigen Bevölkerung. Weil wir diese Verknüpfung für wichtig halten, arbeitet unser Ministerium schon seit langem eng mit dem Studienkreis zusammen - auch mit nachhaltigem Erfolg, wie dieser Wettbewerb beweist.

Wie wichtig es ist, dass die Menschen ihre Stimme einbringen können, dass sie in vielerlei Hinsicht am Tourismus partizipieren können, nicht nur ökonomisch - genau darauf will TO DO! hinweisen.

Mit diesem Wettbewerb erinnert der Studienkreis daran, dass für den Erfolg eines Entwicklungsprojekts ganz entscheidend ist, dass die Menschen vor Ort sich auf dem Fahrersitz befinden. Es ist ihre Eigenverantwortung und ownership, die über Wohl und Wehe von Entwicklungsprozessen entscheiden. Und was für Entwicklungsprojekte gilt, kann für die Tourismusentwicklung nicht falsch sein.

Eine nachhaltige Entwicklung in Gang zu setzen - dazu können viele verschiedene Bausteine beitragen - auch der Tourismus. Aber nicht irgendein Tourismus, der sich nur an den Vorstellungen der Besucher aus dem Norden richten würde. Nein, vielmehr ein Tourismus, der Chancen und Risiken abwägt, der entwicklungspolitische Fragen verknüpft mit Umweltaspekten und sozialer Verantwortung. Ein Tourismus, der vor allem auch die einheimische Bevölkerung einbezieht.

Meine Damen und Herren, wir wollen heute drei Preisträger ehren, die sich in diesem Sinne für eine sozialverantwortliche Tourismusentwicklung eingesetzt haben.
Bemerkenswert ist, dass sie aus unterschiedlichsten Bereichen kommen: aus der Privatwirtschaft, aus dem NGO-Bereich. Und schließlich auch aus einer Gemeinschaft, die man als eine frühe paneuropäische Politikbewegung für die Bewahrung des ländlichen Raum bezeichnen könnte; und heute unter anderem auch in Costa Rica tätig ist. Habe ich Ihre Neugier geweckt?

Dann lösen wir mal die Rätsel nacheinander auf. Die in Costa Rica tätige und ursprünglich rein paneuropäische Bewegung heißt: Longo Mai. Denn Ausgangspunkt war eine kooperative Bewegung in der Provence, die sich gegen die Entvölkerung der französischen Dörfer wehrte und deshalb neue Lebensgemeinschaften mit jungen Menschen gründeten. Die Idee von Longo Mai hat sich auch jenseits des Atlantiks bewährt. In Costa Rica erwarb Longo Mai 1979 ein rund 800 Hektar großes Areal, das ursprünglich als eine Asylstätte für Flüchtlingsfamilien aus Nicaragua gedacht war, die vor dem Terrorregime des Diktators Somoza fliehen mussten.

Daraus entstanden ist die Dorfgemeinschaft FINCA SONADOR. Sie lebt heute - weitgehend wirtschaftlich unabhängig von ihren landwirtschaftlichen Erzeugnissen - von einem Tourismus der besonderen Art: einem auf Langzeitbesucher angelegten Projekttourismus nämlich, der auch für junge Menschen bezahlbar ist, und der großen Wert darauf legt, dass sich die Besucher unmittelbar auf das Alltagsleben der Bevölkerung einlassen. Und nebenbei werden die jungen Gäste für entwicklungspolitische Themen sensibilisiert. FINCA SONADOR wendet sich an Menschen, die bereit sind, in der Dorfgemeinschaft zu leben und dadurch auch erfahren zu können, was "Convivencia" bedeutet - die "Kunst des miteinander (Über)lebens, so heißt es in der Preisbegründung; man könnte aber auch sagen: Es ist die gelebte und alltäglich praktizierte Nachbarschaftshilfe. 30 Familien im Dorf können heute Gäste aus dem Ausland beherbergen. Und damit das alles gerecht zugeht, damit möglichst viele partizipieren, hat FINCA SONADOR ein eigens geschaffenes Tourismuskomitee. Eine Repräsentantin davon ist heute hier: Begrüßen sie mit mir: Edith Quijano-Ruanos aus Costa Rica.

Ganz ähnlich ist das nächste Preisträgerprojekt: die FINCA ESPERANZA VERDE aus San Ramón in Nicaragua.

Am Anfang dieses Tourismusprojektes stand die Initiative einer einzelnen Frau, nämlich von Lonna Harkrader aus den USA.

Sie kam Anfang der 90er Jahre zusammen mit ihrem Mann nach San Ramón und war erschreckt über die Situation in Nicaragua - nach dem schrecklichen Bürgerkrieg, nach dem Kampf gegen die Contras. Sie stellte eine ganz einfache, private, aber politisch geprägte Überlegung an: Es sei für Lonna Harkrader beschämend gewesen, so heißt es in der Preisbegründung, "dass ein so starkes Land wie die USA, ein so schwaches Land wie Nicaragua derart bekämpft habe, bis es in Armut und Elend beinahe untergegangen" sei. Aus dieser Empörung heraus ist das entstanden, was wir heute mit dem TO DO!-Preis ehren: Die FINCA ESPERANZA VERDE und das hinter ihr stehende Netzwerk der "Durham-San Ramón Sister Communities" - das als NGO sowohl in den USA wie auch in San Ramón registriert ist.

Diese partnerschaftliche Zusammenarbeit hat ein erstaunliches Tourismusprojekt hervorgebracht. Zum einen ist nun der Aufenthalt auf der FINCA ESPERANZA möglich, einem wunderschön gelegenen Urlaubsquartier in den Bergen von San Ramon, zum anderen zählt zum Tourismusprogramm aber auch der Aufenthalt bei Privatfamilien in San Ramón. Diese Partnerschaft über Grenzen hinweg hat auch noch ganz andere Früchte getragen: Durch das Netzwerk der NGO wird praktisch die gesamte ökologisch angebaute Kaffee-Ernte der Campesinos aufgekauft und in den USA an eine öko-orientierte Kaffeerösterei weiter verkauft.

San Ramón-Kaffee ist so zu einer eigenen Handelsmarke geworden, mit der die Kaffeebauern einen fast vierfach höheren Preis - verglichen mit dem Weltmarkt - erzielen können. Erträge, die wiederum vielen Infrastrukturmaßnahmen in San Ramón zugute kommen. Ohne verlässliche und engagierte Mitstreiterinnen in Nicaragua hätte die Idee von Lonna Harkrader allerdings nicht verwirklicht werden können. Deshalb meinte sie, wenn es jemand verdient habe, den Preis hier und heute in Empfang nehmen zu dürfen, dann sei das ihre langjährige Vertraute und verantwortliche Projektmanagerin in San Ramón. Meine Damen und Herren: Begrüßen Sie mit mir Frau Yelba Valenzuela aus Nicaragua. Ich hoffe, sie wundern sich nicht mehr, dass auch das dritte Preisträgerprojekt von einer Frau initiiert wurde - nämlich von der ehemaligen Entwicklungshelferin und GTZ-Mitarbeiterin Sibylle Riedmiller.

Sie, die seit vielen Jahren in Tansania lebt, hat dort das Projekt CHUMBE ISLAND CORAL PARK aufgebaut - eine Öko-Lodge, die auf einer kleinen, zwölf Kilometer südlich von Sansibar liegenden Insel beheimatet ist. Es ist ein vorbildliches, ein ausgezeichnetes Projekt, weil es Entwicklungspolitik und Umweltpolitik miteinander verknüpft, und dabei soziale und wirtschaftliche Aspekte aufgreift.

Die fast völlig von Wald bedeckte Insel selbst und das vorgelagerte Korallenriff sind praktisch geschützt - beide verfügen über eine einzigartige Biodiversität. Aber so sehr man sich an dieser Vielfalt erfreuen will, der dort ermöglichte Tourismus ist und bleibt ein Kleinod, das maximal 25 Urlaubern gleichzeitig Quartier bieten kann - in einem ökologisch und baulich beispielhaften Ambiente aus heimischen Materialien. Zugleich ist dieser sanfte Tourismus eine wichtige Geldquelle, um die Schutzmaßnahmen zu finanzieren und die Umwelt-Bildungsprogramme für Schüler zu bezahlen. Aus ehemaligen Fischern sind unterdessen "Parkranger" geworden und außerdem wurde es seit 1998 bereits zweitausend heimischen Schülern und 160 Lehrern ermöglicht, die Insel durch Tagesaufenthalte kennen zu lernen.

CHUMBE ISLAND CORAL PARK wird heute fast vollständig von den einheimischen Mitarbeitern gemanagt. Auch aus diesem Grund ist Sibylle Riedmiller der Meinung, dass nicht sie den TO DO!-Preis entgegennehmen sollte, sondern - stellvertretend für das gesamte Team - der verantwortliche Öko-Lodge Manager, Herr Sadik Magwiza. Ihn heiße ich nun herzlich willkommen.

Meine Damen und Herren, bevor wir nun zur Preisverleihung kommen, dies noch als Hinweis: Wenn sie die Preisbegründungen zu den heute ausgezeichneten Projekten durchlesen, werden sie eines feststellen: Die Wege sind unterschiedlich, aber die Ziele der Projekte sind gleich. Denn letztlich geht es immer um einen Tourismus, der mit den Menschen gemeinsam - nicht gegen sie - entwickelt wird. Ein Tourismus, der Brücken baut und nicht Gräben vertieft.

In diesem Sinne möchte ich für alle drei TO DO!-Preisträger das wünschen, was der eingangs erwähnte Begriff von "Longo Mai" meint, was er bedeutet: Longo Mai heißt nicht anderes als: "Möge es lange dauern". Herzlichen Dank!