Presse-Information
 
Laudatio von Samuel Schirmbeck
anlässlich der Preisverleihungsveranstaltung des TODO!2002 am 9. März 2003 auf der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) in Berlin

(Es gilt das gesprochene Wort)

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde eines sozialverantwortlichenTourismus,

die islamisch-arabische Welt steht augenblicklich im Zentrum des Weltinteresses - ich brauche Ihnen nicht zu sagen, warum -, und eines der beim diesjährigen TO DO!-Wettbewerb ausgezeichneten Projekte liegt in Jordanien, das beim Ausbruch eines Krieges einer ungewissen Zukunft entgegensieht.
Und auch das zweite Projekt liegt im moslemischen Raum, in Marokko. Es würde durch einen Krieg zwar nicht direkt materiell gefährdet, aber dieser Krieg würde das, worum es auch bei der Auszeichnung dieser beiden Projekte geht, gefährden: die bessere Verständigung zwischen dem westlichen und dem moslemischen Kulturkreis.

Deshalb gleich einmal ein großes Lob an die Jury, dass sie zwei Tourismusprojekte aus dem moslemischen Kulturkreis für preiswürdig befunden hat, womit der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung den Tourismus dort hin stellt, wo er hingehört: auf die politische Ebene. Ich weiß, dass er das bei der Würdigung dieser Projekte aus anderen Gründen getan hat - wegen der Auswirkungen, die der Tourismus nun einmal in positiver oder negativer Weise auf den Lebensbereich der Betroffenen hat - aber im aktuellen Kontext wird die politische Seite des Tourismus noch deutlicher: deshalb noch einmal : bravo für die Auswahl dieser Preisträger aus der arabisch-islamischen Welt!
Und den Kriegsherren in dieser Region sei gesagt: lasst den Unsinn, schaut doch mal genauer hin, studiert die TO DO!-Projekte, wenn ihr von arabischer Größe träumt wie der Schnauzbärtige oder mit 200.000 Soldaten auf Demokratisierungstour gehen wollt wie der Bartlose. Etwas mehr Finesse dürfte schon sein, denn wie schwierig und feinteilig ineinander verwoben die Verhältnisse vor Ort sind, auch das zeigen die preisgekrönten TO DO!-Projekte.

Das DANA-Naturschutzgebiet, die DANA Nature Reserve in Jordanien, so groß wie drei Viertel des Bodensees, zeigt, dass gegen den Willen der Bevölkerung nichts erreicht werden kann, auch bei den hehrsten Zielen. Im DANA-Naturreservat leben 25 seltene, in ihrer Existenz bedrohte Tierarten, und es liegen dort hundert archäologische Stätten. Diese zu schützen hatte sich die jordanische Royal Society for the Conservation of Nature, RSCN, die königliche Naturschutzgesellschaft, zur Aufgabe gemacht. Sie schuf das DANA-Naturschutzgebiet, und eine Gruppe wohlhabender Frauen aus Amman, die "Friends of DANA", spendeten obendrein eine halbe Million Dollar zur Erneuerung von Häusern, Moscheen, Wegen , zur Förderung der Früchteverarbeitung und für Kleider und Lebensmittel. Soweit wäre das, mit faszinierenden Landschaftsaufnahmen untermalt, eine schöne Fernsehstory über die ökologische Weitsicht des jordanischen Königshauses und die Humanität ihrer weiblichen Oberschicht geworden.

Aber es wäre die falsche Story gewesen. Denn die Bevölkerung im Naturreservat machte nicht mit, sie leistete Widerstand. Die im Naturschutzgebiet und im Puffergebiet drumherum lebende Bevölkerung , etwa 15.000 Personen, fürchtete um ihre Lebensgrundlagen. Ein klassischer Vorgang, wo immer Naturschutz von oben ohne Rücksicht auf die Interessen der Bevölkerung verordnet wird.
Man sieht, wie politisch es auch im Tourismus zugehen kann, dem das DANA-Naturreservat ebenfalls dienen will. Es gibt dort neun Wanderwege von ein bis 16 Kilometer Länge, es gibt das architektonisch attraktive Dorf DANA, es gibt eine Gästeunterkunft und einen Tagungsraum, einen Campingplatz und paradiesische Terrassengärten.
Wäre unsere Geschichte normal in Anführungszeichen weitergegangen, hätte man also Naturvielfalt und Wandertourismus gegen die Bevölkerung durchsetzen wollen, wäre unsere Geschichte zum Krimi geworden:" Jagdszenen aus dem DANA-Tal". Doch es kam ganz anders:

Jordanien ist Unterzeichner der internationalen Biodiversiäts-Konvention und hatte deshalb Anrecht auf 1,13 Millionen US-Dollar Zuschüsse von Weltbank und Vereinten Nationen für die Finanzierung von Personal, Ausbildungsmaßnahmen und Infrastruktur des DANA-Naturreservats. Absolute Bedingung für die Freigabe der Gelder ist, dass die Interessen der betroffenen Bevölkerung mit einbezogen werden müssen. Sonst gibt es keinen Cent. "Helping Nature - Helping People", so das Motto.
Es wurde schrittweise so umgesetzt, dass alternative Einkommensquellen geschaffen wurden in Gestalt von Werkstätten zur Schmuck- und Lederherstellung sowie zur Früchteverarbeitung, durch Beteiligung an den Tourismus-Einnahmen, durch die zunehmende Einstellung von örtlichem Personal - mittlerweile kommen alle 63 Angestellten des Naturreservats aus dem Wadi-DANA-Gebiet. Es handelt sich also um ein partizipatives Projekt, und für TO DO- Preisträger ist das das absolute Muss-Kriterum.

Und damit Sie den Laudator nicht für einen Idealisten halten, der blind ist für die Tücken und Risiken eines sozialverträglichen Projektes wie es im DANA-Naturreservat verwirklicht wird, möchte ich erwähnen, dass ich zehn Jahre als ARD-Korrespondent in Nordafrika war und deshalb weiß, wie lange und wie schwierig Besprechungen über Projekte sind, wie schwer Interessen unter einen Hut gebracht werden in einer Welt, die darin noch nicht so viel Übung hat. Dass das in DANA gelungen ist, ist ein großer politischer Erfolg! - welche Konflikte es mit Mitarbeitern, mit Behörden, mit Besserwissern und vor allem auch mit den ewigen und zahlreichen Fatalisten geben kann, die meinen, man könne sowieso nichts ändern. Allah wird's schon richten. Insofern ist es sehr erfreulich, dass 27 der 29 Arbeitsplätze in den vier Kooperativenwerkstätten von Frauen eingenommen werden, von moslemischen Frauen. Die jordanische Royal Society for the Conservation of Nature , die das DANA-Projekt unterstützt, sieht in ihnen Botschafterinnen, die die "Helping Nature - Helping People"-Idee in die Familien hineintragen. Was sie dabei mittragen, ist die Idee von der Emanzipation der Frau, die "Helping Women - Helping Men"- Idee. Ich habe bei meinen Reisen in der arabischen Welt festgestellt, dass mangelnde Gleichberechtigung nicht nur ein politisch-moralisches Manko ist: sie wirkt sich verheerend auf die öffentliche Atmosphäre aus, auf den Zustand von Cafés, Restaurants und Hotels. Ohne die starke Präsenz weiblicher Sensibilität gedeiht nichts auf dieser Welt. Deshalb werden die Schmuckstücke und Lederwaren in den DANA- Werkstätten von den richtigen Händen erzeugt.

Glückwunsch der Jury und Glückwunsch dem preisgekrönten Projekt, das von dem einen oder anderen geplanten wenig umweltverträglichen Lodge-Bauvorhaben verschont bleiben möge. Sonst gäbe es doch noch Stoff , diesmal für eine bittere Komödie. Inhalt: wie die einen Pionierarbeit leisten und die anderen absahnen wollen.

Solche Komödien, bei denen einem das Lachen freilich im Hals stecken bleibt, ließen sich auch über die Heimat des zweiten preisgekrönten Projektes schreiben, über Marokko. Der Tourismus spielt dort eine beachtliche volkswirtschaftliche Rolle, und der Absahner gibt es viele, während die Bevölkerung vor Ort oft in einer Armut lebt, deren äußeren Aspekt, Lehmdörfer an den Berghängen etwa, nur sozial abgestumpfte Seelen als Romantik der Fremde genießen. Mir kommt dabei auch die internationale "Rallye des Gazelles" in den Sinn, so genannt, weil dabei ausschließlich Frauen mit den teuersten Geländewagen durch die Wüste kurven, vorbei an Hirten und Nomaden, diesen nichts hinterlassend als Staubwolken, während die Teilnehmerinnen jeweils locker mehrere tausend Mark für ihre Teilnahme an der Sahara-Kurverei bezahlen und im Tross feinstes Essen und beste Drinks, vom Bier bis zum Champagner, für die abendliche Sahara-Geselligkeit hinter sich her ziehen lassen. Nichts gegen gutes Leben unterm Wüstenhimmel, ganz im Gegenteil, - wenn es mit den Wüstenbewohnern geteilt wird.

Das ist, wenn auch auf unmondäne, dafür wüstenoffenbarendere Weise, bei der folgenden Initiative der Fall, dem preisgekrönten Projekt "Société Renard Bleu Touareg" . Ein sozialverträgliches Tourismusunterfangen von beispielhaftem Charakter, das den TO DO!-Preis mehr als verdient hat, und ein Beispiel geglückter marrokanisch-deutscher Zusammenarbeit obendrein. Der Preisträger "Société Renard Bleu Touareg", - wieviel Poesie für einem Firmennamen!- ermöglicht dem Touareg-Stamm der Nouaji, weiterhin als Nomaden durch die Sahara zu ziehen, dabei mehr zu verdienen als früher, Fremden die Augen zu öffnen für das Einmalige am Wüstenleben, Brunnen anzulegen und - last, but not least - ihren Kindern Schulwissen zukommen zu lassen, ohne das Nomadenleben aufzugeben.

Die "Société" wurde von den beiden Vereinen Azalay Deutschland e.V. und der Association Azalay Maroc ins Leben gerufen, wobei Azalay der Name für die einstige Salzkarawanenroute von M'hamid nach Timbuktu ist, eine Route, auf der früher auch die Nouaji entlang zogen. Eine Deutsche, Daniela Vogt, und ein Touareg, Abdallah Naji, trafen sich in der Wüste. Aus deutscher Sehnsucht nach neuen Horizonten und Sahara-ererbten Hang zu grenzenloser Bewegungsfreiheit wurde das folgende Angebot: ein- bis zweiwöchige Wüstenwanderungen oder Camp-Aufenthalte unter Führung von Nouaji-Touaregs in ihrer angestammten Nomadenregion. Eine Urlauberkarawane, der die Dromedare das Gepäck tragen und die unter freiem Himmel oder in Nomadenzelten übernachtet.

Auch das Projekt "Société Renard Bleu Touareg", bzw. die TO DO!-Auszeichnung dafür, stellt den Tourismus dort hin, wo er hingehört, auf die politische Ebene. Denn politische Faktoren wie die Grenzschließung zwischen Algerien und Marokko seit 1994, der Westsahara-Konflikt, die für die Nomaden ungünstigere Wasserführung des Draa-Flusses nach dem Bau eines Staudammes, machten den Nouaji-Nomaden das Karawanengeschäft und die Weidewirtschaft mehr und mehr unmöglich. Sie brauchten unbedingt neue Einnahmequellen, wenn sie das Nomadenleben nicht aufgeben wollten. Immerhin ging es um 15.000 Menschen, oder, in nomadischer Zählweise, um 1.500 Zelte. Und es ging um eine Kultur.
Das heute preisgekrönte Projekt ermöglicht diesen Touaregs, weiterhin eine Tätigkeit auszuüben, die sie kennen und lieben. Das spürt der Fremde, der Tourist. Er spürt zudem, dass er es mit gläubigen Moslems zu tun hat, die die kulturell vielfältigste, lebendigste und lebensbejahendste Seite des Islam verkörpern, jene, die das absolute Gegenteil der Islamisten ist. Sehr zum Ärger der Letzteren verehren die Nouaji weiterhin ihren Heiligen, ihren Marabout, in ihrem Fall den Sidi Naji. Seine Grabstätte liegt als kleines Mausoleum mitten in der Wüste. Gott sei Dank wimmelt es in Marokko noch von solchen Marabouts, ob an der Atlantikküste, in den Bergen oder eben in der Sahara. Denn in der einfachen, aber vehementen Art und Weise, in der diese Marabouts bis heute gefeiert werden, beim jährlichen Maoussem, schimmert noch etwas aus der Blütezeit der islamischen Kultur durch: die Freude an Musik, an Tanz, an Ausgelassenheit und Poesie. Von dieser Poesie sprechen auch die Gesichter der Touaregs, mit denen Sie unterwegs sind. Die Begegnung mit einer so anderen Lebensweise wie der der Nomaden beinhaltet auch immer eine wohltuende Infragestellung der eigenen. Beim Tee in der Sahara, am Lagerfeuer.

Da acht Prozent des Reisepreises für Sozialprojekte abgeführt werden, konnten, mit zusätzlicher Förderung durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, inzwischen fünf Brunnenanlagen für Mensch und Tier in der Wüste gebaut, medizinische Hilfsgüter, auch zur Behandlung von Augenkrankheiten importiert und, als größtes Projekt, der Bau einer Nomadenschule mit integrierter Ambulanz im Wüstengebiet von Chegaga abgeschlossen werden. Schon 89 Kinder haben sich angemeldet. Ihre Eltern sind meist des Schreibens und Lesens unkundig. Wie wichtig aber Bildung ist, zeigt sich am Mitgründer der "Société Renard Bleu Touareg", an Abdallah Naji selbst, der als eines der ganz wenigen Mitglieder seines Stammes eine Schule besuchen, das Abitur machen und deshalb auch später Anthropologie studieren und dadurch eben auch bei der Weiterführung des Nomadenlebens ins dritte Jahrtausend helfen konnte. Womit er auch uns, den Nicht-Nomaden, hilft.

Wohin des Weges?, das fragen wir uns doch alle mehr oder weniger in diesen Zeiten, in denen unsere hochentwickelten Gesellschaften nicht mehr recht weiter wissen und in denen die angeblich modernste unter ihnen zu einem archaischen Mittel der Problemlösung drängt, zum Krieg. Ich bin kein Pazifist, aber etwas mehr Besinnung vor einem solchen Schritt wäre angebracht. Für solche Besinnung gibt es nichts Besseres als die Wüste, als das Verlassen aller bisherigen Wegweiser, als das Ausbrechen aus der alltäglichen Vernetzung, das sich Entwinden aus den Gehorsamkeits- und Anpassungsmechanismen, die zu den immer gleichen Resultaten, eben oft auch zum gesellschaftlichen Stillstand führen. Um wieder Bewegung in den Kopf zu bringen, braucht der Verstand Freiheit und Grenzenlosigkeit, und die findet er in der Wüste. Insofern ist die Wüste subversiv, denn sie eröffnet der Seele und der Phantasie ungeahnte Räume. Probieren Sie es aus. Die heutigen TO DO!-Preisträger zeigen Ihnen den Weg, jeder auf seine Weise. Dafür sei dem Studienkreis für Tourismus und Entwicklung Dank.